Fehlende Barrierefreiheit im Sport

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Walter Hertle, Gründungsmitglied des Kreisbehindertenrings, war zu Gast beim Stadtbehindertenring in Geislingen (STeiGle) und erzählte aus seiner Zeit als Paralympics-Sportler. Hertle ist im Jahr 1934 geboren. Seit er 1960 an Polio erkrankte, ist er querschnittsgelähmter Rollstuhlfahrer, konnte sein Handball- und Leichtathletiktraining nicht fortsetzen und kam durch das Berufsförderungswerk Schömberg zum Behindertensport.

1968 nahm Hertle zum ersten Mal an den "Weltspielen der Behinderten", den heutigen Paralympics teil. Die Veranstaltung fand in Tel Aviv, Israel, statt, da das Klima in der Olympiastadt Mexico City für viele Menschen mit Behinderung nicht zuträglich gewesen wäre. Die Spiele fanden zum dritten Mal parallel zur Olympiade statt. Hertle gewann eine Goldmedaille im Schwimmen und eine Silbermedaille im Schnellfahren.

Die nächste Olympiade wurde 1972 in München ausgetragen. Das neu erbaute Olympische Dorf war nicht barrierefrei, sodass die "Weltspiele" mit rund 1 000 Teilnehmern nach Heidelberg ausgelagert wurden. 1976 war Toronto in Kanada Austragungsort, wo es ebenfalls keine barrierefreien Quartiere gab. 1980 nahm Hertle zum letzten Mal an den Paralympics teil. Diese fanden nicht in der Olympiastadt Moskau statt, sondern wurden im niederländischen Arnheim ausgetragen. Hertle siegte im Fünfkampf. Die dort an Kreuzungen abgesenkten Bordsteine kämen nicht nur Rollstuhlfahrern, sondern auch Radfahrern entgegen, betonte Hertle.

Für behinderte Sportler sei nicht nur die fehlende Barrierefreiheit ein Nachteil. Viel tiefer gehe die gesellschaftliche Missachtung: Während bei der Olympiade die Sieger einen erheblichen Geldbetrag zusätzlich zur Medaille bekamen, gingen die behinderten Sportler leer aus. Auch berücksichtigten die Medien den Sport kaum: Noch 1980 waren keine offiziellen Reporter anwesend.

Nach der aktiven sportlichen Tätigkeit richtete Hertle in Ebersbach Sportfeste aus und suchte immer wieder Kontakt zu Politikern. Der damalige SPD-Bundestagsabgeordnete Heinz Rapp riet ihm, in Gremien zu gehen. So wurde er 1984 in Ebersbach in den Gemeinderat gewählt, dem er noch heute angehört. Von 1986 bis 2004 war er außerdem Mitglied des Kreistags. Seine Anwesenheit sorgte für Aha-Erlebnisse bei den Kollegen: Sie bemerkten die fehlende behindertengerechte Infrastruktur. Viele Beispiele brachte Hertle zu seinem Besuch bei STeiGle mit: defekte Rampen, Zugausfälle und Bahnsteige, die nicht zu erreichen sind.

Auf die Frage, was ihn im Alltag am meisten störe, nannte Hertle drei Bereiche: Arztpraxen seien schwer zu erreichen, weil Aufzüge fehlten, Türen ungünstig positioniert seien und Rampen zu steil seien. Aus denselben Gründen seien Gaststätten häufig kaum zugänglich. Auch Toiletten im Untergeschoss seien ein Problem. Mitmenschen würden zudem oft keine Rücksicht nehmen und Behindertenparkplätze besetzen, beklagte Hertle.

Als Thema der nächsten Sitzung des Kreisbehindertenrings kündigte Hertle den Kreisbehindertenbeauftragten an. Der Anforderungskatalog für diese Stelle wurde im Dezember aufgestellt.

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