Ein Geislinger in London (1): Das schwarze Schaf

Auch wenn London die Hauptstadt Großbritanniens ist – das „Herz Englands“ scheint auf den ersten Blick ziemlich „unbritisch“ zu sein. Der Brexit fordert dieses Image heraus. Maximilian Tkocz über den Sonderling des Königreichs.

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Wenn ein moderner Noah im 21. Jahrhundert eine Arche bauen müsste und möglichst viele Menschen aus verschiedenen Teilen der Erde bräuchte – kein Zweifel: Er würde nach London kommen, weil in dieser Stadt so viele Menschen aus aller Welt auf „engstem Raum“ zusammen leben.

200 Sprachen, eine Stadt

Mehr als ein Drittel der Londoner sind im Ausland geboren: Europäer, Afrikaner, Menschen aus Asien und der Karibik. In der englischen Hauptstadt werden über 200 Sprachen gesprochen. Kein Wunder, dass das Auswirkungen hat: Wie unbritisch sich die Menschen in London fühlen, zeigt eine Umfrage der Queen Mary Universität. Fast die Hälfte der Befragten (46%) identifizierten sich eher mit London als mit England oder gar Europa.

London ist sozusagen das „schwarze Schaf“ im Land.

Londoner sind pro EU

Wer die Brexit-Wahlergebnisse auf eine Landkarte gesehen, wird nicht überrascht sein: Während die meisten Wahlbezirke Englands für einen Austritt aus der Europäischen Union gestimmt haben, bildet London einen kleinen Pro-EU-Fleck im Königreich.

Besonders zugezogene Europäer, die seit Jahren in London leben und arbeiten, fürchten sich vor den Folgen eines Brexit: Arbeiten für EU-Bürger könnte schwieriger werden, große Firmen wie Goldman Sachs haben bereits angekündigt, Mitarbeiter ins Ausland zu verlegen. Nicht selten stehen die Bürger und Konzerne vor der Wahl: „Drinnen bleiben oder raus.“ In den Monaten nach dem Brexit-Referendum gab es laut BBC beinahe doppelt so viele Bewerbungen für einen britischen Pass wie zuvor.

Nur Reiche an den Unis?

Auch Studenten könnten Probleme bekommen. Die Universitäten in London sind zwar unter den beliebtesten der Welt, dennoch gehen die ausländischen Bewerbungen bereits zurück. Es ist nicht ausgeschlossen, dass sich die Studiengebühren für EU-Studenten, die sowieso schon bei rund 10.000 Euro im Jahr liegen, verdoppeln. Die Folgen wären denkbar einfach: Nur die Reichen kommen an die Unis.

Weltmeister im Warten

London lebt mehr von seine Internationalität als von seinem britischen Profil. Zwar ändert der Brexit daran nichts, dennoch wird er das Leben für Nicht-Briten schwerer machen. Viele, die mit Ihrer Stimme für den EU-Austritt gestimmt haben, taten dies in der Hoffnung auf weniger Flüchtlinge, doch wie sehr das ebenso Geschäftsleute, Studenten und integrierte Ausländer betrifft, zeigt sich erst jetzt, in den Monaten danach. Die Entscheidung rächt sich – vor allem für das „schwarze Schaf“ Englands, das mehrheitlich dagegen gestimmt hat. Die Hoffnung, dass sich der Brexit jahrelang hinauszögert ist groß: Im Warten sind die Engländer ja bekanntlich meisterlich.

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