Die Kraft des Evangeliums neu entdeckt

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Mit seinem Vortrag „Wie Ulm und Geislingen evangelisch wurden“ setzte der Ulmer Kirchenhistoriker Wolfgang Schöllkopf am Montag die Veranstaltungsreihe „Geislinger Kulturherbst“ fort. In der gut besuchten evangelischen Stadtkirche stellte er diese Zeit des Umbruchs lebendig und anschaulich dar.

„Geislingen ist ein kleiner Kristallisationspunkt, wenn auch nicht die Hauptstadt der Reformation“, erläuterte der Referent. „Der Vorteil ist hier in Württemberg, dass wir uns nicht am Personenkult um Luther abarbeiten müssen.“ Denn Luther war nie in Württemberg, und als er als junger Mönch auf der Reise nach Rom durch Ulm kam, lag Geislingen nicht auf seiner Reiseroute. „So bleibt es Ihnen in Geislingen erspart“, meinte Schöllkopf mit einem Augenzwinkern, „eine Tafel mit den Worten ‚Hier vesperte Luther‘ anbringen zu müssen“.

Sehnsucht und Angst

Der Referent konnte sich also ganz auf die verschiedenen geistigen, sozialen und politischen Kräfte konzentrieren, die an der Schwelle vom Mittelalter zur Neuzeit wirkten. „Im Spätmittelalter treffen Sehnsüchte und Ängste aufeinander“, sagte er. „Es gab eine Sehnsucht nach geistlicher Erneuerung, nach einer Neuentdeckung der Kraft des Evangeliums, gleichzeitig gab es aber auch die Angst, wie es weitergehen sollte“.

Mit den einprägsamen Schlagworten „Mächte, Märkte, Medien“ brachte es Schöllkopf auf den Punkt. Die weltliche und geistliche Macht, Kaiser und Papst, befanden sich in der Krise, die Märkte wurden mit der Entdeckung der Neuen Welt immer globaler, und der Druck mit beweglichen Lettern bedeutete eine mediale Revolution, „vergleichbar nur mit der Erfindung des Internets heute“.

Wie kamen die Ideen der Reformation zu den Menschen? Da gab es die Erfindung Gutenbergs. Alleine die Schrift Luthers „Von der Freiheit eines Christenmenschen“ wurde in einer Auflage von 30 000 Exemplaren gedruckt. Erhebliche Wirkung entfalteten dazu die Flugblätter, die in großer Zahl verbreitet waren und auf den Märkten und in den Gasthäusern – natürlich auch in Geislingen – gelesen und diskutiert wurden.

Schöllkopf wies außerdem auf die zahlreichen Schüler der Reformatoren hin, die in Wittenberg studiert hatten und überall in Deutschland predigten. Und er erwähnte die neuen Lieder, die schnell mitgesungen werden konnten, da man häufig die Texte auf bekannte weltliche Melodien dichtete. „Die Reformation holte den Alltagsgesang in die Kirche“, machte der Kirchen­historiker klar.

In Ulm fielen die Ideen der Reformation auf fruchtbaren Boden, was sich natürlich auch auf Geislingen auswirkte. 1531 schickte die Stadt drei Prediger aus, die auf dem Ulmer Gebiet die neue Lehre verkündigen sollten: Martin Bucer, Ambrosius Blarer und Johann Oekolampad. Hintergrund war der Augsburger Reichstag, auf dem der Kaiser die Unterwerfung der evangelischen Stände forderte. Ulm weigerte sich und beendete sein jahrelanges Lavieren durch eine Abstimmung, bei der sich eine große Mehrheit der Zünfte und Patrizier für die Reformation entschied. Einen Vorschlag der Ulmer an den Kaiser, er solle ihnen die religiöse Freiheit lassen und im Gegenzug im Reich für Recht und Ordnung sorgen, wurde abgelehnt. Wolfgang Schöllkopf: „Hätte der Kaiser diesen Rat befolgt, wäre später viel Blutvergießen vermieden worden.“

Predigt und Gegenpredigt

Als Martin Bucer in Geislingen predigte, waren die Ideen der Reformation in Geislingen nicht völlig neu. Schon einige Jahre vorher hatten die Geislinger vom Ulmer Rat die Einrichtung einer evangelischen Pfarrstelle gefordert. Nach der Predigt von Bucer stieg der Geislinger Pfarrer Dr. Georg Oßwald auf die Kanzel der Stadtkirche und hielt eine vehemente Gegenpredigt, was ein heftiges Hin und Her von Streitschriften auslöste. „Es wäre aber verkehrt“, so Schöllkopf, „Oßwald auf diesen Streit reduzieren zu wollen. Er hatte sich schon 1514, bei dem Aufstand der Geislinger gegen Ulm auf die Seite seiner Gemeinde gestellt und genoss großes Vertrauen bei den Geislingern.“

Schließlich versetzte die Stadt Ulm den gelehrten Gegner der Reformation auf eine Pfarrstelle in Überlingen, um die Unruhe in Geislingen nicht noch größer werden zu lassen. Denn der Zwist sei bis in die Familien hineingegangen. Und es dauerte bis zum Ende des Jahrhunderts, bis sich die Reformation in Geislingen vollends durchgesetzt hatte.

Die anderen nicht schmähen

Schöllkopf beendete seinen Vortrag mit einem Zitat von Bucer – „Ich halte es für höchst nützlich, wenn wir beiderseits daran festhalten, die Sache des Evangeliums zu betreiben, ohne die anderen zu schmähen“ – und seinem Fazit daraus: „Wenn wir so die Reformation sehen und diskutieren, muss uns um die Zukunft nicht bange sein“. Damit knüpfte er an Dekan Martin Elsässer an, der eingangs in seiner Begrüßung die Beschäftigung mit der Reformation als Einladung zum Gespräch verstanden wissen wollte.

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