Demenz: Raus aus Tabuzone

Wenn die geistigen Kräfte schwinden, lautet die Diagnose oft Demenz - ein Schicksal für die Patienten und eine Belastung für die Angehörigen. Der Landkreis will mit einem Netzwerk helfen und aufklären.

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"Im Landkreis leben zurzeit schätzungsweise 5000 Menschen mit Demenz", sagt Isolde Engler.

Die Zahlen sind alarmierend: Die Menschen in Deutschland werden immer älter - und damit steigt das Risiko, an einer Demenz zu erkranken. So wird angenommen, dass von den 65- bis 70-Jährigen knapp zwei Prozent an dieser Krankheit leiden, bei den 75- bis 85-Jährigen ist bereits mehr als jeder Zehnte betroffen und von den über 90-Jährigen mehr als jeder Dritte. Für Menschen, die 95 Jahre und älter sind, gibt es ein Risiko von knapp 60 Prozent, an dieser Störung des Gehirns zu erkranken. "Es wird angenommen, dass im Landkreis Göppingen zurzeit schätzungsweise nahezu 5000 Menschen mit Demenz leben", berichtete Isolde Engler, Altenhilfe-Fachberaterin im Landratsamt, im Sozialausschuss des Kreistags. Etwa 80 Prozent der Patienten werden zu Hause von Verwandten rund um die Uhr betreut. Unter dem Strich gibt es bereits in jeder dritten Familie einen Angehörigen mit der Diagnose Demenz.

Isolde Engler machte deutlich, dass diese Krankheit "ein Angstthema" ist, weil sie alle treffen könne. Doch auch wenn sich Prominente wie Rudi Assauer, Walter Jens oder Harald Juhnke dazu bekennen beziehungsweise bekannten, sei das fortschreitende Versagen der geistigen Kräfte immer noch ein Tabu. Demenz sei für die Betroffenen ein Schock - und für die Angehörigen "eine der höchsten Belastungen, die man sich vorstellen kann", sagte Isolde Engler.

Der Landkreis sieht die Entwicklung als große Herausforderung und will im April ein Netzwerk gründen, das helfen soll, den steigenden Bedarf an Betreuungs- und Versorgungsangeboten zu decken. In dem Verbund sollen Dienstleister, Kirchen, Vereine, Fachleute, Betroffene und Angehörige mitwirken, erklärte die Altenhilfe-Fachberaterin. Unter dem Dach des Netzwerks will sich der Kreis als einer der ersten im Land als "Demenzfreundlicher Landkreis" positionieren.

Vorrangiges Ziel sei es, die Lebensqualität von Menschen mit Demenz und ihrer Familien zu verbessern. "Im besonderen Fokus sollen dabei allein lebende und früh erkrankte Menschen stehen", betonte Engler. Angebote sollen gebündelt und transparent gemacht, der Zugang zu Hilfe erleichtert werden. Dabei habe man auch die Entlastung der pflegenden Angehörigen im Blick. Auch Fort- und Weiterbildungen für haupt- und ehrenamtliche Kräfte stehen auf der Agenda, ebenso wie eine umfassende Aufklärung rund um das Thema Demenz, "um eine Stigmatisierung und Ausgrenzung zu verhindern sowie Berührungsängste abzubauen", so Isolde Engler. "Das Demenz-Netzwerk Landkreis Göppingen steht für mehr Menschlichkeit und Solidarität", fasste die Fachberaterin zusammen. Und es soll das Thema "in die Mitte der Gesellschaft" tragen.

Der Startschuss für das Projekt soll im April fallen. Die Konzeption wird noch mit den Partnern abgestimmt. In einer Zukunfts- und Ideenwerkstatt sollen in einem weiteren Schritt Projekte entwickelt und umgesetzt werden. Gedacht sei beispielsweise an ein Patenschaftsmodell, Initiativen für gute Nachbarschaft, Hausbesuche bei Betroffenen oder Begegnungsräume für Menschen mit und ohne Demenz, zählte Isolde Engler einige Möglichkeiten auf.

"Dieses Netzwerk ist eine sehr gute Sache", meinte Landrat Edgar Wolff - und erntete eine breite Zustimmung von den Kreisräten im Sozialausschuss. Wolff machte auch deutlich, dass es nicht einfach werde, die Ressourcen für diese Arbeit im Landratsamt zu schaffen. Das Personal in der Altenhilfe-Fachberatung müsse entsprechende Prioritäten setzen, um den Aufbau des Netzwerks und die künftige Koordination zu meistern. Jürgen Hamann (Grüne) meinte: "In der Theorie ist das ganz gut angelegt. Nun muss man sehen, wie es in der Praxis funktioniert." Der Landrat versprach, regelmäßig über den Stand der Dinge zu berichten.

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