DAS GEISTLICHE WORT: Ausgetrocknet!

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Im Hofe eines alten Bauernhauses lag ein ebenso alter Brunnen. Er führte ungewöhnlich klares und köstliches Wasser und - das war das Besondere an dem Brunnen - er trocknete nie aus. Selbst in der größten Hitze, wenn andere Wasserquellen längst versiegt waren, spendete er immer noch sein erfrischendes Nass. Doch dann wurde das alte Bauernhaus modernisiert und bekam eine Wasserleitung. Den Brunnen brauchte man nun nicht mehr, er wurde verschlossen und vergessen. Jahre später wollte ein Hausbewohner aus Neugierde wieder einmal in die dunkle Tiefe des Brunnens sehen, doch da war kein Wasser mehr zu finden. Er war total ausgetrocknet.

Wie konnte das sein? Die Erklärung dafür ist einfach: So ein Brunnen wird durch hunderte winziger Bäche und feiner Wasseradern gespeist, die für den ständigen Wasservorrat sorgen. Die winzigen Zuleitungen bleiben offen, solange immer wieder Wasser abgeschöpft wird und das köstliche Nass nachfließen kann. Wird der Brunnen aber nicht mehr benützt, verstopfen die Wasseradern.

Ich frage mich, ob es sich mit unserem Glauben an Gott nicht ebenso verhält. Es gibt Menschen, deren Glaube an Gott irgendwann einmal versiegt ist. Anderes ist wichtiger geworden und hat sie so in Beschlag genommen, dass für Gott irgendwie keine Zeit mehr geblieben ist. Es war keine bewusste Entscheidung gegen Gott, aber irgendwie ist die Beziehung zu ihm eingeschlafen, ausgetrocknet.

Und dann kommen sie in eine schwere Lebenssituation und auf einmal rufen sie wieder nach Gott und bitten ihn um Hilfe oder klagen ihn an: "Gott, wie kannst du das zulassen?" Aber irgendwie funktioniert das nicht mehr. Gott ist ihnen keine Hilfe. Er erhört ihre Gebete scheinbar nicht.

Der Glaube ist eine Beziehung, die - wie andere Beziehungen auch - gepflegt werden will. Wenn ich mit meinem Ehepartner jahrelang nicht mehr oder nur noch das Nötigste rede, dann muss ich mich nicht wundern, wenn unsere Beziehung irgendwann plötzlich zu Ende ist. Und wenn ich meine Beziehung zu Gott nicht mehr pflege, dann darf ich mich nicht wundern, wenn sie mich dann, wenn ich sie dringend bräuchte, auf einmal nicht mehr trägt.

Der Glaube ist nicht etwas, das ich konservieren und bei Bedarf hervorholen kann. Er will im Alltag gelebt werden. Er braucht das regelmäßige Gespräch mit Gott. Er braucht immer wieder neue Impulse durch das Lesen oder Hören von Gottes Wort. Er braucht den Austausch mit anderen Christen. Und er braucht eine Lebensführung, die den erkannten Willen Gottes täglich in die Tat umsetzt. So bleibt Glaube lebendig und so kann er mir auch in Notzeiten und Durststrecken zu einer Quelle des Lebens und der Kraft werden.

Matthias Krauter, er ist Pfarrer der evangelischen Kirchengemeinde Gingen.

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