BUNTE: Organ der vielen Wahrheiten

Jeder Fraktion des Geislinger Gemeinderats steht künftig im Geislinger „Stadtinfo“ das Recht zu, eigene Berichte zu veröffentlichen. Damit wird es künftig nicht mehr nur die eine, die amtliche Wahrheit geben.

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Wenn es einen Schultes mal wieder wurmt, dass in der Zeitung etwas nicht so geschrieben ist, wie er es gern hätte, dann bemüht er eben sein eigenes Sprachrohr: Fast jede Kommune hat ein Amtsblatt, dessen Inhalte zuvor über des Bürgermeisters Schreibtisch gewandert sind. Wenn dann also der Lokalredakteur etwas nicht verstanden oder verwechselt hat – nicht so schlimm, im Amtsblatt steht’s immer amtlich korrekt.

Das ist aber in manchen Städten nur die halbe Wahrheit. Denn im Gemeinderat sitzen auch Fraktionen, die ihre ganz eigene Sicht der Dinge haben. Und wie bringt man diese Wahrheiten an den Mann? Die Landesregierung hat in der neuen Gemeindeordnung dafür eine Lösung gefunden, mit der sich die Geislinger Räte nun befassen mussten: Jeder Fraktion steht künftig im Geislinger „Stadtinfo“ das Recht zu, eigene Berichte zu veröffentlichen. Was also den Vereinen verwehrt wird, weil es dafür die Tageszeitung gibt – den Freien Wählern, der CDU, der SPD und der GAL wird es nun ermöglicht. Zuvor waren politische Beiträge im Redaktionsstatut des Stadtinfos ausdrücklich untersagt.

25 Zeilen pro Ausgabe stehen den Parteien zu. Außer natürlich während eines Wahlkampfs. Da soll eine sogenannte Karenzzeit gelten. Drei Monate sind als rechtssicher, berichtete die Geislinger Stadtverwaltung. Dennoch schlug sie eine nur zweimonatige Karenzzeit vor.

Dem GAL-Sprecher Bernhard Lehle war das immer noch zuviel. Er beantragte einen Monat Karenzzeit. Diesem Antrag stimmten dann nur zwei Stadträte zu. Der weitergehende Antrag von Freie-Wähler-Sprecher Roland Funk (drei Monate) fiel ebenso durch (nur fünf Ja-Stimmen). Dem Vorschlag der Verwaltung (zwei Monate) stimmten dann aber doch alle zu. Blieb noch ein Problem: „Wie lang ist die Zeile?“, fragte Lehle. „Du musst dich halt kurz fassen!“ frotzelte einer – wohl in der Vorahnung, dass Lehle das neue Medium ausgiebig nutzen wird. Oberbürgermeister Frank Dehmer beschwichtigte: „Ich glaube nicht, dass diese 25 Zeilen den Wahlerfolg beeinflussen.“

Wieviele Zeilen dem Oberbürgermeister für seine Sicht der Dinge zustehen, bleibt unklar. Klar ist nur: Mit den zusätzlichen Beiträgen von vier Gemeinderatsfraktionen wird es im Stadtinfo künftig nicht mehr nur die eine, die amtliche Wahrheit geben, sondern insgesamt fünf Wahrheiten. Ob irgendwann auch das Amtsblatt als reaktionäres Systemblatt – oder umgekehrt als links-alternative Lügenpresse betrachtet wird?

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