Blick durch Glasröhren

Man sieht nur, was man weiß: Getreu diesem Goethe-Zitat wollen wir Anhaltspunkte geben, was in einem Kunstwerk alles stecken kann. Heute: ein Kinetik-Objekt von Bruno Demattio.

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Bruno Demattios Kinetik-Objekt von 1967: Dieses Werk, das in der aktuellen Ausstellung in der Städtischen Galerie zu sehen ist, braucht den aktiven Betrachter.  Foto: 

In der aktuellen Ausstellung des Kunst- und Geschichtsvereins Geislingen in der Städtischen Galerie im Alten Bau - "Ich bin der Wind und Du bist das Feuer!" -, die noch bis zum 12. Oktober läuft, werden Arbeiten aus verschiedenen Schaffensperioden des 2006 viel zu früh verstorbenen Künstlers Bruno Demattio im Rahmen einer Retrospektive gezeigt. Demattio war während seiner gesamten Schaffenszeit in unterschiedlichsten Kunstformen und -bereichen auf ganz selbstverständliche Weise tätig. Seine 1967 erschaffene, 157 Zentimeter hohe Arbeit mit dem lakonischen Titel "Kinetik-Objekt" besteht aus zwei Plexiglasröhren, die in einem schwarz gehaltenen stehenden, gestreckten quaderartigen Rahmen Platz finden. Sie gehört zur Op(tical)-Art, einer Kunstform, die sich in den 1960er Jahren in verschiedenen Ausprägungen mit dem Sehen, optischen Phänomenen und optischer Bewegung auseinandersetzte.

Die Röhren sind hinterlegt mit einer Art Kunststoffraster, das vormals ein Zaun, ein Gitter hätte sein können. Formal betrachtet durchdringen und ergänzen sich in dieser Arbeit kontrastreich kubische und zylindrische Körper, eckige und runde Formen, gläsern Durchsichtiges trifft auf geschlossen Schwarzes, Festes auf Flüssiges, denn in den Röhren befindet sich Wasser.

Mehr scheint einem zunächst nicht aufzufallen: Ein ästhetisches Objekt, das materialgerecht verarbeitet wurde und dabei reduziert zurückhaltend, ja fast "designed" erscheint.

Wenn man das Objekt umläuft, während man es im Auge behält, eröffnen sich neue Horizonte. Die Bewegung zeichnet sich auf und im Objekt durch optische Veränderungen und letztlich durch unser Sehen in unserem Gehirn ab. Durch die mit Wasser gefüllten Zylinder kommt es zu optischen Brechungen, sie fungieren als eine Art Linse - dies verändert alles.

Das Gitter, das an sich eckig sein müsste, erscheint rundlich. Seine einzelnen quadratischen Felder werden zu Unendlichkeitszeichen, die sich - je nach Position und Bewegung des Betrachters - schwingend zu bewegen und dabei gegen den Rahmen zu stoßen scheinen. Darüber hinaus stehen die beiden Röhren so dicht beieinander, dass ihr Grundriss bereits ein Unendlichkeitszeichen bildet - und so das, was sich also bewegt und verändert zeigt, vorwegnimmt.

Dies alles erweitert den Blick und lenkt die Lesart, denn neben dem formalen Spiel der Kontraste eröffnen sich weitere Ebenen, Themen und Aspekte. Es geht etwa um die Unendlichkeit und um Veränderungen in der Wahrnehmung durch Bewegung. Darüber hinaus kann man sich fragen: Was sind, was bedeuten Dinge eigentlich und wie erscheinen sie?

Das Werk braucht den aktiven Betrachter. Nur wenn man sich auf das Werk einlässt und zubewegt, innerlich wie äußerlich, wird man erfahren, worum es bei ihm zu gehen scheint. Eine Erkenntnis, die sich auf vieles, fast alles, übertragen lässt und dabei den Menschen als wahrnehmendes Subjekt in den Mittelpunkt rückt.

Info Öffnungszeiten: Di.-So. 14-17 Uhr (bis 12. Oktober).

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