Automobilbranche muss ihre Kunden neu erfinden

Beim Automobilkongress der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt (HfWU) in Nürtingen zum Thema „Kunden im digitalen Zeitalter“ referieren die baden-württembergische Wirtschaftsministerin und Topmanager.

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IFA-Direktor Willi Diez (links) beim Automobilkongress im Gespräch mit der baden-württembergischen Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut und Hochschulrektor Andreas Frey.  Foto: 

Lange währte die Dreierbande von Autoherstellern, Handel und Kunde. Mit der Digitalisierung treten nun als weiterer Mitspieler branchenfremde Firmen auf den Plan. Wie der Wirtschaftszweig auf die fundamentale Herausforderung reagiert, darum ging es beim „Tag der Automobilwirtschaft“ in Nürtingen. Die baden-württembergische Wirtschaftsministerin versprach förderliche politische Leitplanken für die Fahrt der Branche in die Zukunft.

Bei Daimler nennt man es Ökosystem, Volkswagen spricht von „We“, bei Skoda ist es die „Customer Journey“. Gemeint sind neue Konzepte, die den Vertrieb, das Marketing und vor allem das Angebot von digitalen Diensten rund um den Autokauf bündeln. Eins haben die Konzepte gemein: Sie sind Antworten auf den Umstand, dass den Autobauern und -verkäufern Firmen wie Apple, Facebook und Tesla, und mit pfiffigen Ideen auch kleine Start-ups ins angestammte Gehege kommen. „Es reicht nicht mehr, einfach nur sehr gute Autos zu bauen“, resümierte folglich Sabine Scheunert, Digital- und Marketingexpertin bei Mercedes Benz Cars, bei der vom Institut für Automobilwirtschaft (IFA) an der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt (HfWU) organisierten Tagung.

Vor dem Hintergrund des größten Umbruchs, den die Branche bislang erfahren hat, gehe es darum, den Kunden in ein digitales Ökosystem einzubinden, sagte Scheunert. Dies umfasse zum einen die für einen Kaufentscheid immer wichtiger werdenden digitalen Dienste rund um das Auto. Dazu gehörten aber auch weitere Produkte, Informations- und Mobilitätsangebote sowie vor allem technologische Innovationen.

Die neueste aus dem Hause Daimler präsentierte Scheunert erstmals öffentlich den rund 500 Besuchern des Autokongresses: Eine via Smartphone sprachgesteuerte intelligente, mit virtueller Realität arbeitende Betriebsanleitung.

Wer die auf künstliche Intelligenz und erweiterte Realitätswahrnehmung gestützten Anwendungen als den vorläufigen Höhepunkt der digitalen Revolution sieht, dem hielt Thomas Zahn seine Vision entgegen: „Was wir in der Branche sehen, ist unzweifelhaft nichts weniger als eine Revolution – und die geht exponentiell weiter. Wer bei dieser Revolution nicht mitmacht, bedroht seine Existenz“, erklärte der bei Volkswagen für den Deutschlandvertrieb verantwortliche Manager. Bei VW sei „We“ das Instrument, um die „Kundenbeziehung“ völlig neu aufzustellen.

Mit Blick auf den deutschen Autokäufer scheint dies derzeit der Fall zu sein. Jedenfalls legen diesen Schluss die aktuellen Zahlen zu den Neuzulassungen nahe. 3,4 Millionen sind es in diesem Jahr, noch mehr erwartet der IFA-Direktor Professor Dr. Willi Diez für 2018. „Der Trend weg vom Diesel hin zum Benziner treibt den Neuwagenmarkt an“, lautete die Erklärung des Automobilwirtschaftlers. Bei den Elektroautos werde im kommenden Jahr erstmals die Marke von 100.000 übersprungen, so seine Prognose.

Noch spielen die E-Mobile zahlenmäßig keine große Rolle. Nach wie vor kommen in der herkömmlichen Autoproduktion vier von fünf Teilen von kleinen und mittelständischen Zulieferern. Darauf wies die baden-württembergische Wirtschaftsministerin Dr. Nicole Hoffmeister-Kraut hin. „Es ist entscheidend, traditionelle Geschäftsmodelle zu reformieren und technologische Kompetenzen zu erweitern“, sagte die ­Ministerin und versprach, dafür einen förderlichen politischen Ordnungsrahmen zu schaffen.

Trotz der guten Verkaufs­zahlen: Jubelstimmung komme derzeit nicht auf, erklärte Professor Diez. Vor dem Hintergrund der bevorstehenden fundamentalen Umwälzungen scheint dies nachvollziehbar. Der Titel der Tagung lautete „Der Kunde im digitalen Zeitalter“. Die damit verbundene Herausforderung für die Branche ist offenbar keine geringere, als diesen Kunden neu zu erfinden.

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