Asylbewerber: Lage in Geislingen entspannt sich

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Das Chaos der ersten Tage ist vorbei: Während vor einem Jahr noch 150 Flüchtlinge pro Woche in Geislingen ankamen, sind es derzeit 20 im Monat. Die 325 Menschen, die in den sechs Gemeinschaftsunterkünften in der Stadt auf das Ergebnis ihres Asylverfahrens warten, haben sich längst arrangiert: mit dem Ausharren, dem Zusammenleben auf engem Raum, dem fremden Land und den komplexen deutschen Verwaltungsvorgängen.

„Die Stimmung ist sehr gut, weil die Leute merken, dass es voran geht“, sagt Sozialbetreuer Hans-Joachim Schiek von der Gemeinschaftsunterkunft Rheinlandareal (mehr zu den Unterkünften im Infokasten).

Voran: Das bedeutet, dass immer mehr Asylbewerber zur Anhörung vor das Bundesministerium für Migration und Flüchtlinge geladen werden – nicht nur wegen sinkender Flüchtlingszahlen, sondern auch, weil die Außenstellen Heidelberg und Ellwangen der Karlsruher Behörde einiges abgenommen hätten, so Schiek.

Wer die Anhörung hinter sich hat, erhält oft innerhalb von etwa zwei Monaten seinen Bescheid. Je nach Herkunftsland und Fluchtgrund falle dieser ganz unterschiedlich aus, erklärt Schiek: Während beispielsweise Christen aus dem Irak oder Iran in der Regel eine Aufenthaltserlaubnis für drei Jahre erhielten, bekämen Afghanen oder Syrer mittlerweile nur noch einen sogenannten subsidiären Schutz für zunächst ein Jahr – ein Familiennachzug ist damit nicht möglich.

Unterschiede gebe es bei den Afrikanern: Für Eritreer und Somalier, die vor Krieg, Terrorismus und Hunger flüchten, stünden die Chancen recht gut. Gambier – häufig Wirtschaftsflüchtlinge – befänden sich dagegen in der Warteposition.

Flüchtlinge aus den Balkanstaaten sind bis auf zwei Familien aus Mazedonien und Albanien keine mehr in Geislingen, berichtet Schiek. Viele seien aufgrund der geringen Bleibechancen freiwillig in ihre Heimat zurückgegangen und hätten das Rückkehrgeld genutzt. Auch wenn diese Flüchtlinge zu Hause häufig nicht verfolgt werden, kann der Sozialbetreuer ihre Motivation doch verstehen: „Als Familienvater würde ich auch versuchen, das Beste für meine Familie zu finden.“ Mit ein paar Familien ist Schiek noch in Kontakt – und hört manch Schlimmes:  etwa von einer Familie mit kleinen Kindern, deren Haus kurz nach der Heimkehr abbrannte.

Im Containerdorf kommen sich die Menschen mittlerweile immer näher, beobachtet der Sozialbetreuer: „Die Leute sitzen in den Gemeinschaftsräumen zusammen, Single-Männer spielen mit den Kindern – es gibt keine Berührungsängste.“ Am 14. November zogen rund 40 Asylbewerber gemeinsam los, um sich den Supermond anzuschauen. Der seit August bestehende Flüchtlingsrat hat bislang Verkehrserziehungskurse angeregt (wir berichteten) und kümmert sich mit um die Einrichtung von WLAN.

Von einer immer besseren Sozialisierung berichtet auch René Schäfer, der seit Oktober die Unterkünfte in der Bleich-, Damm-, Hohenstaufen- und der Schulstraße sowie in den Neuwiesen betreut. Das zeige sich am Umgang miteinander, an der Sauberkeit und der Einhaltung der Hausregeln. Schäfer: „Die Menschen haben sich mit der Situation arrangiert.“ Kürzlich gab es in der Bleichstraße Bettwanzen; ein Kammerjäger habe das Problem aber mittlerweile beseitigt, sagt Schäfer. Auch wenn er selbst noch in der Orientierungsphase ist, hat er schon registriert, dass viele seiner Schützlinge gerne das Kontaktcafé in der Rätsche besuchen – und, dass vor allem Bedarf an Sprachkursen besteht. Etliche Flüchtlinge hätten auch Interesse an einer Vereinsmitgliedschaft gezeigt. WLAN wird es wohl demnächst auch in der Bleichstraße geben; die anderen Unterkünfte sind zu klein.

Schäfer sowie Schiek bezeichnen die Atmosphäre als gelöst, es gebe allenfalls kleinere Streitigkeiten, die sich rasch beilegen ließen – aber dies sei angesichts der Wohnsituation der Menschen nicht verwunderlich. Die Zusammenarbeit mit der Polizei sei sehr gut, sagt Schiek. Nachbarn könnten sich bei Problemen gerne an die Betreuer wenden, doch auch in diesem Bereich sei es ruhig.

Eine große Herausforderung der nächsten Monate wird die Anschlussunterbringung der Menschen mit Bleiberecht sein. Allein im Laufe dieses Jahres seien mehr als 500 Personen aus den Unterkünften im Kreis Göppingen ausgezogen, erklärt Wolfgang Munz vom Asyl- und Flüchtlingswesen im Landratsamt Göppingen. Der Großteil habe auf dem freien Wohnungsmarkt etwas gefunden. „Das wird bei ansteigenden Zahlen aber tendenziell schwieriger werden und dazu führen, dass wir die Leute den Kommunen zuweisen müssen.“ Auch die Geislinger Sozialbetreuer beobachten, dass die Wohnungssuche schwieriger wird: Wer Hilfe von Ehrenamtlichen bekomme, könne froh sein, sagt Schäfer.

Zahlen 325 Asylbewerber leben in den Gemeinschaftsunterkünften, davon 114 Kinder:
⬛ Rheinlandareal:
194 Personen – viele ­Familien, 80 Kinder
⬛ Bleichstraße: 49 ­Personen – vor allem ­Alleinstehende, 2 Kinder
⬛ Dammstraße: 14 ­Personen – Allein­stehende, 2 Familien
⬛ Hohenstaufenstraße: 21 Personen – hauptsächlich Familien
⬛ Neuwiesen: 24 Personen – junge Familien und Alleinstehende
⬛ Schulstraße:
23 Personen

Nationalitäten Afghanistan, Algerien, Eritrea, Gambia, Georgien, Indien, Irak, Iran, Pakistan, Somalia, Syrien, Türkei

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