Stress mit schwacher Blase

Geislingen.  Stress pur: Wo ist die nächste Toilette? Quälender Harndrang vergällt die Lebensfreude. Doch in den meisten Fällen ist einfache Abhilfe möglich. Die Helfenstein Klinik informiert am kommenden Samstag.

Keiner will drüber reden - und doch leiden sehr viele Menschen darunter. Aber erst, wenn der Harndrang den Leidensdruck übersteigt, vertrauen sich die Betroffenen ihrem Hausarzt an. Hinterher jedoch, das weiß Dr. Theodor Dinkelacker, Chefarzt der Frauenklinik an der Helfenstein Klinik, gelangen nahezu alle Patienten zu der Feststellung: "Wenn ich das gewusst hätte, wäre ich schon früher gekommen."

Um diese Erkenntnis möglichst vielen Menschen nahezubringen, die unter quälendem Harndrang und unkontrolliertem Verlust von Urin und Stuhl leiden, veranstaltet die Geislinger Helfenstein Klinik einen Gesundheitstag: Am kommenden Samstag werden zwischen 13 und 17.30 Uhr Vorträge zu diesem Thema geboten.

Der Fachmann spricht von Inkontinenz, worunter man laienhaft Blasen- oder Darmschwäche versteht. Bundesweit sind davon etwa vier Millionen Menschen betroffen - etwa 3,3 Millionen Frauen und 700 000 Männer. Darunter finden sich zwar alle Altersgruppen, doch nimmt das Risiko ab dem 65. Lebensjahr zu. Allein im Einzugsgebiet der Helfenstein Klinik, so schätzt Dinkelacker, dürften mindestens 3000 Menschen unter Inkontinenz leiden - angesichts steigender Lebenserwartung mit zunehmender Tendenz.

Nahezu zwei Drittel der Betroffenen versuchten, ihr Leiden zu verschweigen und grenzten sich aus. "Aber durch Diagnostik, Beratung und Therapie kann viel erreicht werden", sagt Dinkelacker. Wie wichtig eine Behandlung ist, macht der Chefarzt anhand von Zahlen deutlich: Die Hälfte aller Einweisungen in Pflegeheime resultiere aus Harn- und Stuhlinkontinenz. Allerdings, so betont er, handle es sich um "keine Alterskrankheit". Die Mediziner unterscheiden deshalb zwei Formen: Die eine ist die sogenannte Belastungsinkontinenz, von der rund ein Viertel aller jungen Frauen (zwischen 25 und 29 Jahren) betroffen ist. Sie leiden bei Husten, Niesen, Lachen oder körperlichen Anstrengungen unter Harnverlust. In diesen Fällen hilft nach Angaben Dinkelackers oft die Kräftigung der Beckenbodenmuskulatur durch entsprechendes Training, wie es Physiotherapeuten anbieten.

Hingegen gehe die Drangharn-Inkontinenz, unter der häufig ältere Menschen leiden, meist auf Funktionsstörungen der Blase zurück. Bereits eine medikamentöse Behandlung könne jedoch zu einer deutlichen Linderung führen, weiß Dinkelacker. Allerdings seien aufgrund des komplizierten Zusammenspiels viele Faktoren zu berücksichtigen. Nach genauer Diagnose bestünden jedenfalls sehr gute Möglichkeiten, die Erkrankung in den Griff zu bekommen - auch mit kleineren chirurgischen Eingriffen.

Die Krankheit zu verschweigen, wäre deshalb der falsche Weg. Und es allein durch das Tragen von Windeln erträglicher zu machen, hält Dinkelacker für unnötig. Allerdings weiß er auch, wie schwer es vielen Betroffenen fällt, sich dem Hausarzt anzuvertrauen. Meist vergingen zwischen dem Auftreten erster Symptome bis zu dieser Entscheidung annähernd vier Jahre, oft sogar noch mehr. Bis dahin aber seien die Patienten bereits "sozial ausgegrenzt", weil sie aus Angst, ihre Inkontinenz könnte wahrgenommen werden, gar nicht mehr am öffentlichen Leben teilnähmen. Dinkelackers Botschaft lautet deshalb: "Lassen Sie sich helfen, reden Sie mit Ihrem Arzt." Dieser werde die notwendigen Schritte einleiten - über den Gynäkologen oder Urologen bis hin zur Klinik. Jedenfalls dürfe es das "doppelte Schweigen" nicht mehr geben, wie Dinkelacker es auch selbstkritisch sieht: "Wir fragen vielleicht zu wenig danach - und die Patienten kommen zu wenig auf uns zu." Am Samstag gibt es Gelegenheit dazu - auch in Gesprächen im kleineren Kreis.


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