Das Großprojekt füllt dicke Aktenordner
Geislingen. Fünf Fachgutachten, außerdem Stellungnahmen, die fast 130 Seiten füllten. Das Großprojekt Nel Mezzo in Geislingen war bereits in der Planungs- und Genehmigungsphase ein Projekt der Superlative.
Als der Geislinger Gemeinderat jüngst mit Zweidrittelmehrheit den Satzungsbeschluss zum Sondergebiet Städtischer Sportplatz fasste, war die Beratungsunterlage, die jeder Stadtrat, wenn auch ziemlich klein gedruckt, in Händen hielt, überaus umfänglich. Auf 127 Seiten waren 31 Stellungnahmen dokumentiert, in denen Träger öffentlicher Belange (Behörden und Kommunen) und Einzelpersonen ihr Einverständnis oder ihren Widerspruch, ihre Bedenken oder Anregungen zum Nel Mezzo-Einkaufszentrum schriftlich vorbrachten. Das Ganze als Synopse: Neben jedem Einwand standen die Entgegnungen der Projektplaner.
Zum Bebauungsplan wurden außerdem fünf Gutachten erarbeitet - das Auswirkungsgutachten der GMA prüfte ab, ob die neuen Ladengeschäfte zu einem ruinösen Wettbewerb mit dem bestehenden Fachhandel führen. Hinzu kamen ein Verkehrsgutachten, ein Landschaftspflegerischer Fachbeitrag, eine verfahrensrechtliche Prüfung und schalltechnische Untersuchung. Auf noch mal 15 Seiten fasste das Planungsbüro die Quintessenz zusammen.
Im Folgenden einige kleine Auszüge aus dem Kompendium.
Historischer Grund
Womöglich stößt man bei den Bauarbeiten auf historische Zeugnisse. Der Kreisarchäologe schreibt: "Im unmittelbaren Umfeld des Städtischen Sportplatzes sind zahlreiche Fundplätze ur- und frühgeschichtlicher sowie mittelalterlicher Zeitstellung bekannt. Es ist damit zu rechnen, dass im Rahmen der geplanten Bodeneingriffe archäologische Funde oder Befunde zutage treten."
Und die Fledermäuse
Im Landschaftspflegerischen Fachbeitrag werden akribisch Gehölze und Pflanzen (33) namentlich (einschließlich des lateinischen Fachnamens) aufgelistet, außerdem die Vogelarten. Mehrere Begehungen des Areals fanden statt. Dazu heißt es unter anderem: "Während bei der ersten Begehung am 19.03.2009 lediglich Amsel, Blaumeise, Kohlmeise, Buchfink, Haustaube, Rabenkrähe und Zaunkönig als potenzielle Brutvögel des Plangebiets und seiner näheren Umgebung vorgefunden wurden, konnten im Rahmen von drei Nachbegehungen durch Frau Köpf (Geislingen) im Mai und Juni 2009 noch weitere Vogelarten festgestellt werden (insgesamt 14). Aus der Gruppe der ebenfalls artenschutzrechtlich relevanten Fledermäuse wurden dabei von Frau Köpf Wasserfledermäuse (Myotis daubentonii) sowie Zwerg- und /oder Mückenfledermäuse (Pipistrellus sp.) bei der Jagd über der Rohrach beobachtet bzw. mittels Detektornachweis bestimmt."
Ein, zwei Seiten weiter heißt es dann aber doch als Fazit: "Aus zoologischer Sicht beherbergt das Plangebiet ausschließlich weit verbreitete Arten."
Schriftlich vermerkt ist von Fledermausexpertin Christine Köpf, dass die Pappeln Fledermäusen sicher auch Nisthöhlen bieten würden und dass alle Fledermausarten streng geschützt sind.
IHK: Drittes Zentrum
Kritisch fällt die Stellungnahme der Industrie- und Handelskammer aus: "Das Gebiet des Städtischen Sportplatzes stellt sich als eigenständiges drittes Zentrum dar. Die genannte ,Scharnier- und Brückenfunktion zwischen den beiden innerstädtischen Zentren wird dem neuen Zentrum nicht ohne Weiteres zukommen. Erst durch eine attraktive Verbindung zum Zentrum Sternplatz durch entsprechende Ladengeschäfte, gestalterische Aufwertung und einer Beruhigung der B10 könnte von einer Scharnierfunktion gesprochen werden. Derzeit wird die Distanz von ca. 500 m vom Sternplatz zum neuen Einkaufszentrum entlang der wenig attraktiven B10 wohl kaum als Fußweg angenommen. Die Distanz zur Oberstadt ist ohnehin so groß, dass diese als eigenständiges Zentrum empfunden wird." Bliebe das Nel Mezzo als Insel ein weiteres Zentrum, sei es mit 9500 Quadratmetern Verkaufsfläche wohl nicht attraktiv genug, um dauerhaft erfolgreich zu sein, meint die IHK. Sie schlug überdies vor, die Flächen für Textilfachmärkte im Nel Mezzo "deutlich zu reduzieren, eine Verkaufsfläche von 3000 qm scheint uns eher angemessen." Der Gemeinderat lehnte das mehrheitlich ab und legte 3700 qm fest.
Anwohner-Einspruch
Mehrere Anwohner der Albwerkstraße erhoben in einem gemeinsamen Schreiben Einspruch gegen das geplante Einkaufszentrum in ihrer Nachbarschaft. Sie befürchten Lärm, Verkehr, bauliche Beeinträchtigungen durch eine Lärmschutzwand und eine massive Wertminderung ihrer Wohnlage. Sie schreiben: "Wir sind die von Herrn Gölz in der Gemeinderatssitzung am 22.07.09 genannten ,armen Schweine, die dann hinter der ,Klagemauer leben müssen. Uns wird Licht, Luft, Raum und eine ruhige Wohnlage genommen. Die gesamte Wohnqualität der bisherigen grünen Oase entfällt. . . Wer möchte nach dem Bau des EKZ und der Schallschutzmauer noch in den Gebäuden der Albwerkstraße leben??? Herr Amann vielleicht??? Die Gebäude verlieren den gesamten Wert als Wohngebäude in ruhiger Lage."
Ein Anwohner nahm einen Anwalt, der einen umfangreichen Schriftsatz verfasste. Er zweifelt jedes einzelne Gutachten an, alle seien fehlerhaft und gingen von falschen Voraussetzungen aus.
Emotionslos, formal und doch sehr konkret sind die Entgegnungen des Planungsbüros dazu. Dessen Fazit: "Im Ergebnis ist festzuhalten, dass der Bebauungsplan die Belange des Immissionsschutzes gegenüber dem Anwesen Albwerkstraße 8 bereits ausführlich und ausreichend gewürdigt hat."
Der Beschluss
Der Gemeinderat beschloss, wie berichtet, den Bebauungsplan als Satzung - bei sieben Gegenstimmen der GAL und der SPD. Die Stadträte von CDU und Freien Wählern stimmten ebenso für den Bau des Nel Mezzo wie Dr. Hansjürgen Gölz als einziger SPD-Stadtrat und Oberbürgermeister Wolfgang Amann. Er ist der nachdrücklichste Verfechter der Sportplatzbebauung. Das privatwirtschaftliche Projekt bedeutet Investitionen von rund 20 Millionen Euro.
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Autor: RODERICH SCHMAUZ | 04.02.2010
So soll das Einkaufszentrum "Nel Mezzo" (zu deutsch: In der Mitte) aussehen. Umfangreiche Planungen gingen dem jüngst erteilten Okay für den Bebauungsplan voraus.
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