Angst vor Rückkehr

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Der Asylantrag des 25-jährigen Christen Sharoon Javed (links) wurde abgelehnt. Im Gespräch mit seinem Freund und Chef Hermann Wanner versucht er, einen Ausweg zu finden. Foto:  Foto: 

Sharoon hat Angst. Er hat den offiziellen Bescheid erhalten, dass sein Antrag auf Asyl in Deutschland abgelehnt wurde. Dagegen hat er zwar Klage erhoben – aber jetzt weiß er nicht, wie es für ihn weitergeht.

Dabei sah alles so hoffnungsvoll aus für den 25-jährigen Pakistani, der seit September 2015 in Geislingen wohnt. Erst in der Wölkhalle, inzwischen in einem der Container dort. Als Christ suchte und fand er schnell Anschluss in einer freien Kirchengemeinde in Geislingen. Dort hat er auch private Freundschaften geschlossen.

Dank Deutschunterricht gleich nach seiner Ankunft im Willkommenscafé der Rätsche und danach bei der Volkshochschule kann sich Sharoon auf Deutsch verständlich machen und versteht auch das meiste –  vorausgesetzt seine Gegenüber reden nicht zu schnell oder zu schwäbisch. Seit einem halben Jahr absolviert er ein Einstiegsqualifizierungsjahr bei „Wanner Reifendienst“ und nimmt einmal in der Woche am Berufsschulunterricht der Gewerblichen Schule teil. „Das macht richtig Spaß, dort ist ein richtig guter Lehrer“, schwärmt der junge Mann. Und der Ausbildungsvertrag zum Reifen- und Vulkanisationstechniker ist – eigentlich – ebenfalls schon unterschrieben. „Sowohl von mir als auch von der Handwerkskammer“, erzählt sein Chef Hermann Wanner, der sich auch über den Einsatz von Corinna Stegmaier vom Job-Center lobend äußert. „Sharoon ist ein Mensch mit Verantwortungsgefühl. Unsere Kunden schätzen seine Freundlichkeit und er packt richtig mit an“, sagt Wanner, der zutiefst entsetzt ist vom Ablehnungsbescheid.

„Als Christ kann man in Pakistan nicht sicher leben“, weiß Hermann Wanner, etwa aus christlichen Fachzeitschriften wie „Open Doors“. Aber vor allem aus Sharoons Schilderungen. Davon, dass die Kirche, die der junge Mann mit seiner Familie regelmäßig besucht und wo er sich engagiert hat, von Selbstmordattentätern bombardiert wurde und wo 20 Menschen starben. „Ich selber war an diesem Tag nicht dort“, erzählt der junge Pakistani, er sei jedoch aus dem Ort, wo er sich befand, hergeeilt, als er vom Anschlag hörte. In der Folge habe die Polizei ihn festgenommen, verprügelt und wollte ihm den Mord an zwei Menschen in die Schuhe schieben. „Für meine Beweise, dass ich das nicht getan haben konnte, haben sie sich gar nicht interessiert“, insistiert er.

Nach Zahlungen seiner Großeltern hätten die Polizisten ihn freigelassen, aber kurz darauf erneut festgenommen, erneut verprügelt, erneut musste gezahlt werden. „Sie tauchen bis heute bei meinem Großvater auf und suchen mich“, weiß er. Diese Willkür ist es, die Sharoon auch in anderer Hinsicht schon erleben musste. Seine Arbeit als Medizintechniker in einem Krankenhaus in Lahore hat er verloren, weil er Christ war und die Kollegen ihm vorgeworfen hatten, er wolle missionieren. „Leben in Frieden und Gleichheit gibt es für Christen in Pakistan nicht, und zwar nirgends in Pakistan. Die Angst ist allgegenwärtig, Bedrohungen subtil“, verdeutlicht Hermann Wanner.

Als Anlaufstelle in der Heimat käme für Sharoon nur sein Opa infrage, nachdem seine Mutter und seine Oma im Spätsommer vergangenen Jahres gestorben sind. Dort jedoch sucht ihn die Polizei. „Ich weiß es nicht. Ich weiß wirklich nicht, wie es weitergehen soll“, murmelt er und starrt auf seinen Teller. Wanner hofft jetzt auf die Hilfe der Geislinger Behörden. Wobei er weiß, dass deren Aufgabe schwierig ist, weil klare politische Vorgaben in solchen Fällen einfach fehlen. „Wenn die Meldebehörde zustimmt, dass Sharoon seine Ausbildung beginnen darf trotz seiner momentanen Lage, dann hat Sharoon eine Chance“.

Ein KOMMENTAR von Eva Heer: Gewinn für beide Seiten

Sharoon Javed soll abgeschoben werden. Der 25-jährige Pakistani, der seit September 2015 in Geislingen lebt, muss sehr wahrscheinlich zurück in ein Land, in dem er aufgrund seiner christlichen Religionszugehörigkeit verfolgt und nach eigenen Angaben bedroht und misshandelt wird. Während er vor der behördlichen Willkür dort geflohen ist, wird ihm nun – vermutlich – die strikte Bürokratie in Deutschland zum Verhängnis: Ihm fehlen für einen erfolgreichen Asylantrag Dokumente und Nachweise. Die Kriterien, nach denen das Innenministerium Asylanträge bewertet, ergeben sicherlich Sinn. Und dennoch zeigt Sharoon Javeds Beispiel, dass Flüchtlingsschicksale immer individuelle Schicksale sind. Sharoon Javed hat beste Aussichten auf eine erfolgreiche Eingliederung in unsere Gesellschaft, in unsere Stadt: Er lernt engagiert die deutsche Sprache. Er ist hier in einer christlichen Gemeinde verankert. Er bemüht sich um Arbeit und Bildung. Er hat Freunde und Sozialkontakte auch außerhalb seiner Flüchtlingsunterkunft. Und vor allem: Er hat mit der in Aussicht gestellten Ausbildung die Perspektive auf ein geregeltes, eigenständiges und selbst finanziertes Leben. Zu verdanken ist diese Perspektive dem Engagement von Menschen aus der Stadt, die sich dafür einsetzen, dass Integration nicht nur eine Worthülse bleibt, eine bloße Forderung an Geflüchtete. Menschen wie Hermann Wanner machen Integration mit ihrem Handeln erst möglich. Vielleicht ist diese Hilfe einem christlichen Verständnis von Nächstenliebe geschuldet. Vielleicht hat sich Hermann Wanner auch einfach nur den besten Azubi gesucht. Wie auch immer: Wenn Sharoon Javed hier Asyl bekäme, wäre es für beide Seiten ein Gewinn.

Philipp Theiner, Chef des Geislinger Ordnungsamtes und damit auch der Ausländerbehörde sagt: „Uns sind hier die Hände gebunden. Es gibt einen klaren Erlass des Innenministeriums vom Oktober 2016, nach dem wir uns richten müssen“. Bei Sharoon Javed kämen gleich mehrere Faktoren zusammen, die dagegen sprechen, dass seine Klage Erfolg haben wird. Das Hauptproblem sei sein fehlender Ausweis, weil Javed ohne Papiere geflüchtet ist und seine Identität daher nicht zweifelsfrei bewiesen werde könne.
Dazu kommt: Laut Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) sei das Leben von Javed in Pakistan – in genügender Entfernung zur Polizeistation in Lahore bei seinem Großvater – nicht direkt bedroht.

Um in Deutschland zu bleiben, müsste Javed die B1-Prüfung in Deutsch abgelegt haben (Anmerkung der Redaktion: Sharoon Javed hat inzwischen zwei Drittel des B1-Deutschkurses absolviert). Und: Javed befindet sich seit eineinhalb Jahren in Deutschland – laut Vorgaben zählt diese Zeit nicht als „lange Aufenthaltsdauer“, die eine Abschiebung verhindern könnte. Das hat Philipp Theiner beim Regierungspräsidium nachgefragt, weil in dem Erlass keine konkreten Angaben gemacht werden, ab wann ein Aufenthalt als „lang“ gilt. Theiner: „Weil hier so ziemlich alle Faktoren fehlen, die eine Chance auf Erfolg der Klage zulassen, ist es uns nicht möglich – leider – dem Beginn der Ausbildung im September zuzustimmen.“

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