Türkischstämmige Geislinger haben Angst um Demokratie

Nach Erdogans Wahlsieg befürchten türkischstämmige Geislinger und Kreis-Bundestagsabgeordnete einen Machtmissbrauch.

|

Erdogan ist grenzenlos, man muss mit allem rechnen“, sagt Salih Gür vom Geislinger Verein Mosaik zum Ausgang des Volksentscheids in der Türkei. Dass Recep Tayyip Erdogan einen Sieg einfuhr, verleite den türkischen Staatschef noch mehr zu  Machtmissbrauch: „Weil er gewonnen hat, denkt er, dass er richtig handelt und macht so weiter.“ Dass Menschen unschuldig im Gefängnis säßen, sei undemokratisch; Erdogan missachte Menschenrechte.

Was Bürger dazu bewegt habe, beim Volksentscheid für ein Präsidialsystem und damit für Erdogans Verfassungsreform zu stimmen, kann Gür nicht nachvollziehen. Wer in Deutschland lebe und mit Ja gestimmt habe, wolle sich nicht integrieren. „Man muss sich anpassen.“

Im Nachhinein gegen das Wahlergebnis und unfaire Bedingungen zu protestieren, nütze niemandem etwas, meint Gür. Es werde ohnehin nicht zu einer Neuauszählung kommen, weil Erdogan dies verhindern würde. „Ich hoffe, dass kein Volkskrieg kommt“, sagt Gür. Sein Wunsch: „Wir wollen keine Probleme, sondern gemeinsam in Frieden leben“

Fadime Ercik ist „zu 100 Prozent davon überzeugt“, dass die Wahl manipuliert – und damit nicht demokratisch – war. „Die acht größten Städte in der Türkei haben mit Nein gestimmt – und dann kommt Ja raus“, sagt die Vorsitzende der Alevitischen Gemeinde Geislingen und verweist auf Facebook-Videos, die Wahlmanipulationen dokumentieren. „Da sind 2,5 Millionen ungestempelte Stimmzettel aufgetaucht, die vom Wahlrat als gültig erklärt wurden“, schimpft sie und ist aus diesem Grund der Meinung, dass die Wahl angefochten werden wird. „Sollte sie doch für gültig erklärt werden, gibt es einen Aufstand in der Türkei.“

„Für mich ist es wichtig, dass sich die EU jetzt als standhaft erweist“, sagt Fadime Ercik weiter und hofft, dass die finanziellen Hilfen für die Türkei gestrichen werden und dass es keine weiteren Gespräche mehr gibt. Es schockiere sie, dass so viele Türken in Deutschland für die Verfassungsänderung gestimmt haben, sagt Fadime Ercik. Sie verstehe nicht, wie Leute in einem demokratischen Land für Freiheits-Einschränkungen stimmen können, die mit der Verfassungsänderung einhergehen. Die meisten seien nicht richtig informiert worden, vermutet sie. „Erdogan-Wähler sollten alle in die Türkei gehen müssen.“

Bürger aus dem Ja-Wahllager zu verteufeln, sei nicht der richtige Weg, meint Sevgi Aslanboga. Die Vorsitzende des türkischen Kulturvereins Genclik in Geislingen fordert dazu auf, Integration voranzutreiben. „Wer sich ausgestoßen fühlt, ist in nationalistischen Kreisen gefundenes Fressen.“ Es hätten ohnehin nicht so viele in Deutschland lebende Türken für die Verfassungsänderung gestimmt. Der knappe Sieg Erdogans beweise insgesamt, dass er viele Gegner habe. Trotz ungleicher Chancen während des Wahlkampfs habe die Opposition gezeigt, dass sie etwas bewegen könne. „Als Nein-Sagerin sehe ich das Wahlergebnis als Sieg der Nein-Sager“, betont Aslanboga. Den Gegenwind werde Erdogan in seiner Politik spüren.

„Auch mich treibt um, warum so viele hier lebende Türken dem Referendum zugestimmt haben“, schreibt die SPD-Abgeordnete Heike Baehrens auf ihrer Facebook-Seite. „Aber wir sollten uns von den Zahlen auch nicht in die Irre leiten lassen.“ Von den rund drei Millionen Türken, die in Deutschland leben, hätten insgesamt nur 15 Prozent für Erdogan abgestimmt. „Trotzdem bleibt noch viel zu tun in Sachen Inte­gration und Demokratiebildung.“

In Bezug auf die EU-Beitrittsverhandlungen mit der EU sagt der CDU-Bundestagsabgeordnete Hermann Färber, dass die Türkei derzeit weit von einer EU-Mitgliedschaft entfernt sei. Sollte Erdogan tatsächlich die Todesstrafe wieder einführen, müsse die EU die Beitrittsgespräche endgültig beenden. „Wir sind doch nicht im Mittelalter“, sagt Färber. Die Entwicklung in der Türkei sei ein herber Rückschlag, nachdem sich das Land jahrelang in die demokratische Richtung entwickelt habe.

Sezer Erin findet, „jeder sollte das Wahlergebnis und die Meinung des türkischen Volkes respektieren und akzeptieren“. Der Ditib-Vorsitzende will, „dass jetzt endlich wieder Ruhe einkehrt“.

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Eislinger Bluttat: Täter stach morgens zu

Das Verbrechen in der Eislinger Tiefgarage geschah am vergangenen Donnerstag gegen 7 Uhr. Der vermutete Tathergang hat sich bestätigt. weiter lesen