„Wollte nie eine Sonderbehandlung“

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Herr Kappel, wie sehr hat sich Ihr Leben seit Rio verändert?

Niko Kappel: Das war ein großartiger Erfolg, mit dem ich gar nicht gerechnet hatte. Dass sich das Leben komplett verändert hat, würde ich so aber gar nicht sagen. Zu meinem bisherigen Tagesablauf aus Job bei der Volksbank in Welzheim und Training kommt jetzt einfach mehr dazu. Man ist deutlich mehr unterwegs, besucht mehr Veranstaltungen und hat mehr Termine. Und ich habe jetzt auch einen Manager beziehungsweise Berater, der mich unterstützt. Aber auch bei mir hat der Tag nur 24 Stunden.

Ärgert es Sie, wenn Sie auf Ihre Größe reduziert werden und damit ein Stück weit in einer Schublade landen?

Das ist mir eigentlich noch nie passiert. Allerdings hilft der Sport dabei, Selbstbewusstsein aufzubauen. Ich habe schon als Kind und Jugendlicher gelernt, alles so zu machen wie andere auch und habe gelernt: Alles geht. Um Anerkennung und Respekt zu bekommen, müssen beide Seiten etwas erbringen.

Können Sie verstehen, dass Menschen ohne Behinderung Behinderten gegenüber manchmal unsicher sind?  Was empfehlen Sie Menschen im Umgang mit Ihnen und anderen Behinderten?

Am besten wie mit jedem anderen auch umgehen. Natürlich darf man hilfsbereit sein. Viele Behinderte können und wollen alles selber schaffen. Ich kann jetzt aber nur von mir sprechen: Ich wollte nie eine Sonderbehandlung haben, und das habe ich auch meinen Eltern zu verdanken, die mich entsprechend erzogen haben. Ich mag keine Einschränkungen und finde, man sollte immer auf Augenhöhe miteinander reden.

Sie sind ein ehrgeiziger Kerl: Mit einer Größe von 1,40 m stoßen Sie die Kugel um das fast Zehnfache Ihrer Körpergröße. Brauchen Sie dazu eine besondere Technik und ein besonderes Training?

Ja, ich habe da eine spezielle Technik, die auch mein Trainer Peter Salzer mit mir entwickelt hat. Ich bin ein sogenannter „Drehstoßer“. Ich habe kurze Beine, bin klein, dafür eher schnell und wendig und habe einen langen Oberkörper. Da funktioniert diese Technik, die aus dem Rumpf und der Beschleunigung kommt, gut. Auch, weil ich mehr Platz im Ring habe. Ich habe aber viele, viele Monate und Jahre trainiert, bis ich auf dem heutigen Stand war. Viele Drehstoßer aus meiner Trainingsgruppe sind neidisch, weil sie bei ihrer normalen Größe meine Technik nicht einsetzen können.

Haben Sie diesen enormen sportlichen Ehrgeiz auch im Berufsleben?

Ja natürlich. Ich gehe wahnsinnig gerne ins Geschäft und mein Job macht mir großen Spaß. Ich muss manchmal sogar gebremst werden und würde mich am liebsten jetzt auch schon beruflich weiterbilden. Aber dafür fehlt mir einfach die Zeit und ich muss Prioritäten setzen.

War Bankkaufmann Ihr erster Berufswunsch? Was hat zu der Entscheidung für diese Ausbildung geführt?

Ich habe mir drei Berufe angeschaut: Büro-, Bank- und Industriekaufmann. Darüber hat mich auch die Berufsberatung informiert. Mir war schon immer wichtig, mit Leuten zu tun zu haben und ich spreche unglaublich gern (lacht). Der Umgang mit Menschen macht mir Spaß. Von den drei Berufen war Bankkaufmann eindeutig mein Favorit, weil mich der Umgang mit Geld fasziniert hat. Bei der Bank habe ich ein Praktikum gemacht. Dann habe ich mich um die Ausbildung beworben. Ich hatte auch eine Beratung darüber, wie man eine richtige Bewerbung schreibt. Diese Unterstützung fand ich wahnsinnig wichtig.

Sie stehen mit 21 Jahren erst am Anfang des Berufslebens. Was sind Ihre weiteren beruflichen Ziele?

 In der Bank sehe ich eigentlich schon meine berufliche Zukunft und auch in der Firmenkundenbetreuung, die ich jetzt gerade mache. Es gibt hier viele Möglichkeiten zur Fort- und Weiterbildung – wie Fachwirt oder Betriebswirt. Ich kann mir vorstellen, das bis zum Rentenalter zu machen, weil es mir wirklich großen Spaß macht. Vielleicht tut sich aber auch durch den Sport etwas völlig Neues auf.

Wie bewerten Sie aus Ihrer Sicht die Chancen für Menschen mit Behinderung auf dem Ausbildungs- und  Arbeitsmarkt? Und was müsste sich ändern, damit alle die gleichen Startbedingungen haben?

Ich denke, inzwischen sind die Startbedingungen gar nicht mal so schlecht. Ich kann zwar nicht jede Art von Behinderung einschätzen, aber bei körperlichen Einschränkungen sollten es immer die gleichen Voraussetzungen sein. Natürlich gibt es den einen oder anderen Beruf, den ein Rollstuhlfahrer beispielsweise aufgrund der Voraussetzungen nicht ausüben kann. Aber auch im normalen Berufsleben kann nicht jeder Pilot werden. Wenn man eine Brille tragen muss, ist es damit schon vorbei. Und solche Einschränkungen gibt es bei uns eben auch: Nicht jeder Beruf ist für jeden gemacht, sondern man muss individuell sein richtiges Umfeld finden. Wenn ich bei meinem Beruf Bankkaufmann bleibe: Meine Körpergröße spielt keine Rolle dabei, wie ich meinen Job mache. Behinderte sollten keine Einschränkungen erfahren, sie sollten aber auch nicht bevorzugt werden.

Welchen Rat oder Appell haben Sie dabei für Arbeitgeber, das Potenzial von Menschen mit Behinderung zu nutzen?

Arbeitgeber sollten – wie bei jeder anderen Bewerbung auch – die Eignung des Bewerbers prüfen. Und wenn die Person geeignet ist: Einstellen. Sie sollten offen in das Vorstellungsgespräch gehen und keine Vorbehalte haben, sondern sich wie bei allen Bewerbungen fragen: Was bringt der Bewerber für mein Unternehmen?

Die Woche der Menschen mit Behinderung findet noch bis zum 3. Dezember in Deutschland statt.  Anlässlich des Internationalen Tages der Menschen mit Behinderung am 3. Dezember wird die Bundesagentur für Arbeit (BA) Aktionen durchführen, bei denen in den Agenturen für Arbeit und  Jobcentern Arbeitgeber über die Chancen informiert werden, die schwerbehinderte Mitarbeiter für ein Unternehmen bieten. Es wird auch auf die dafür bestehenden Fördermöglichkeiten eingegangen.  Die BA möchte darauf aufmerksam machen, dass Menschen mit Behinderung einen wertvollen gesellschaftlichen Beitrag auch auf dem Arbeitsmarkt leisten können.

Arbeitgeber, die Interesse an der Einstellung von schwerbehinderten Menschen haben, können sich an ihren persönlichen Ansprechpartner im Arbeitgeber-Service oder die kostenlose Arbeitgeberhotline wenden:
☎ 0800 4 5555 20

In Göppingen hat sich aus Anlass des Aktionstages Karlheinz Beck (unser Foto)  Bereichsleiter bei der Agentur für Arbeit Göppingen, mit dem Goldmedaillengewinner bei den Paralympics in Rio de Janeiro (Brasilien), Niko Kappel, zum Interview getroffen. Niko Kappel ist 1995 in Schwäbisch Gmünd geboren und hat 2008 mit der Leichtathletik begonnen. Laufen oder Speerwurf war nicht sein Ding, aber Kugelstoßen war die passende Disziplin. Von Beruf ist Kappel Bankkaufmann. 2015 und in diesem Jahr hat er bei den Welt- und Europameisterschaften jeweils die Silbermedaille gewonnen. Der große Wurf gelang ihm jetzt  bei den Paralympics   in Rio. In der Startklasse F41  holte er mit  13,57 Metern  Gold.

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