„Nun muss ja alles kommen“

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Gabi Glang hat sich jahrelang mit dem Leben der Paula Modersohn-Becker auseinandergesetzt. Daraus ist ein anrührender ­Gedichtband entstanden.  Foto: 

Als Gabriele Glang vor 14 Jahren erst auf die Bilder und dann auf die Geschichte der Künstlerin Paula Modersohn-Becker gestoßen ist, war es um sie geschehen. „Der Stoff ließ mich nicht mehr los“, erzählte sie dem Matinee-Publikum am Sonntagvormittag im Foyer des Tübinger Zimmerthea­ters. Dort stellte sie ihren jetzt erschienenen Lyrik-Band vor, das Ergebnis ihrer jahrelangen Auseinandersetzung mit Modersohn-Becker, „ein Destillat“, wie sie es selbst beschreibt. Ihre „fiktionalen Monologe der Paula Modersohn-Becker“ sind unter dem Titel „Göttertage“ beim renomierten Tübinger Verlag Klöpfer & Meyer erschienen – mit einem ausdrucksvollen Selbstporträt der Malerin auf dem Cover und einer „lesebahnbrechenden Einführung“ (Verleger Hubert Klöpfer) von Sibylle Knauss.

Viel Potenzial ist durch den frühen Tod Modersohn-Beckers – mit 31 Jahren, im November 1906, drei Wochen nach der Geburt ihrer Tochter – verschüttet worden. Die Künstlerin war nach einem einjährigen Aufenthalt in Paris zurückgekehrt zu ihrem Mann Otto Modersohn. Glangs Gedichte spiegeln die Pariser Zeit wider, die Zeit, in der Modersohn-Becker eigensinnig im besten Wortsinn ihren Weg verfolgte. So lässt Glang ihre Protagonistin die Frage stellen „Wie ich wohl werde?“, lässt sie hoffen: „Nun muss ja alles kommen.“

Glangs „fiktionale Monologe“ geben blitzlichtartige Einblicke in Modersohn-Beckers Erlebnisse, Erfahrungen, Erkenntnisse. Es wird klar, was Paris mit der Künstlerin macht, weil sie sich einlässt – auf die Stadt und auf ihr Inneres  (“Meine Sinne saugen sich voll“; „In der Freiheit wird etwas aus mir.“; „Ich werde etwas“; „In mir will was geboren werden.“).

Als Leser vermag man durch Glangs Zeilen das Ringen Modersohn-Beckers nachzuvollziehen. Freut sich mit ihr, atmet mit ihr auf. Umso härter trifft einen das Ende: Otto Modersohn gelingt es, seine Frau zurück ins Künstlerdorf Worpswede zu holen  (“Der Ruf“, „Rückkehr“), umso tragischer erscheinen einem die letzten „fiktionalen Monologe“ des Bandes: „Wo mir wohl der nächste Sommer blüht? / Ich glaube, ich bin mit meinem Leben zufrieden. / Etwas in mir will nicht untergehen.“

Glang beendet ihren Band mit einer – ebenfalls fiktiven – Antwort Modersohn-Beckers auf Rilkes Requiem, das er ein knappes Jahr nach ihrem Tod für sie geschrieben hat und zwei Gedichten aus ihrer Sicht (“Spurensuche“, „En plein air, oder was ich von Paula lernte“). Danach muss man ganz langsam wieder auftauchen: Aus der Zeit um die Jahrhundertwende, in der Frauen das Studium an Kunstakademien versagt wurde, in der es einige der  so genannten Malweiber aber doch zu beachtlichen Erfolgen brachten. Auftauchen aus dem Kosmos der Paula Modersohn-Becker, die nach einem kurzen Höhenflug bescheiden und zufrieden sein wollte – und dann ganz plötzlich verstarb.

Info Gabriele Glang, „Göttertage“, Klöpfer & Meyer Verlag, Tübingen, 2017.

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