"Ich pflege einfach gern"

Als "die Aufgabe eines Pflegenden schlechthin" empfindet Martina Kümmel ihre Tätigkeit in der Palliativstation der Geislinger Helfenstein Klinik. Hier gibt es Zeit, die Hand zu halten, zuzuhören und Gespräche zu führen.

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Martina Kümmel ist schon seit 27 Jahren an der Helfenstein Klinik. Foto: cb

Martina Kümmel wurde bereits in der Helfenstein Klinik geboren. Die heute 45-Jährige ist in der Nachbarschaft aufgewachsen, hat im Krankenhaus ihre Ausbildung zur Krankenschwester absolviert und arbeitet inzwischen seit 27 Jahren dort.

Seit es in der Geislinger Klinik eine Palliativstation gibt, seit 2007, hat Martina Kümmel dort die Leitung inne. Und macht das, was sie tut, "wahnsinnig gern". Obwohl sie die Aufgaben in der Palliativstation einerseits als "Herausforderung" betrachtet, "an der man wächst", bezeichnet sie auf der anderen Seite den intensiven Kontakt zum Patienten als die "ureigensten Aufgaben eines Pflegenden". "Hier hat man noch Zeit, die Hand zu halten, dem Menschen zuzuhören und Gespräche zu führen", erklärt sie.

Schon als kleines Mädchen suchte Martina Kümmel den Kontakt zu den "Schwestern", die - damals noch mit Haube versehen - in krankenhaus-eigenen Wohnungen lebten, ganz in der Nähe ihres Elternhauses. Ein Kinder-Arzt-Koffer, - "Sie erinnern sich, mit so einem roten Kreuz auf der Haube?" - , gehört zu den Geschenken, an die sie sich noch heute erinnert. Daher ist es nicht weiter verwunderlich, dass sie als Realschülerin im Rahmen der Berufsfindung ein Drei-Tage-Praktikum auf "HNO" (der Hals-Nasen-Ohren-Station) verbrachte und nach ihrer mittleren Reife ein halbjähriges Praktikum in der damals noch "Kreiskrankenhaus Geislingen" genannten Klinik absolvierte.

Sie wusste schnell, dass sie an der richtigen Stelle war. "Eine Zeitlang hab ich mir überlegt, ob ich nach der Ausbildung zur Krankenschwester das Abitur nachholen und Medizin studieren sollte", sinniert die gepflegt wirkende, schlanke Frau mit den kurzen braunen Haaren.

Weil ihr einerseits jedoch ihr Beruf so sehr gefiel - "ich pflege einfach gern" - , andererseits die Liebe und später die Schwangerschaft mit dem ersten Kind einen Strich durch diese Rechnung machte, blieb sie ihrem Erstberuf treu.

Geprägt wurde Martina Kümmel in ihrer Kindheit vom plötzlichen, frühen Tod ihres Vaters. "Das war im Urlaub. Ein Tag, bevor ich zwölf wurde", erinnert sie sich an diesen Schicksalsschlag, der ihr Leben und das ihrer Mutter und ihres damals 17-jährigen Bruders veränderte.

Vielleicht jedoch hat dieses Erleben damals mit dazu beigetragen, dass Martina Kümmel genau dort gelandet ist, wo sie heute tätig ist. Denn in der Palliativstation gehört Einfühlungsvermögen in die Situation von Patienten oder deren Angehöriger zu den unabdingbaren Voraussetzungen. Immer wieder kommt es vor, dass die wohnlich gestalteten Räume der Palliativstation im ersten Stock der Klinik mit den orangeroten Fußböden, den Grünpflanzen und den Rückzugsräumen "Raum der Stille" oder "Wohnzimmer" die letzte irdische Heimstatt mancher todkranker Patienten werden. "Trotzdem", darauf macht Martina Kümmel aufmerksam, ist eine Palliativstation kein Hospiz. Für die Aufnahme gibt es immer einen medizinischen Grund. Die Aufgabe hier besteht darin, Patient und Angehörige für einen gewissen Zeitraum zu begleiten und zu betreuen, bis eine Linderung der Symptome erreicht wurde. Und bis das private Umfeld so vorbereitet wurde, dass der Patient je nach Situation nach Hause, in ein Pflegeheim oder in ein Hospiz entlassen werden kann.

Martina Kümmel ist dankbar für das "Super-Team", mit dem sie zusammenarbeitet und für das sie die Dienstpläne erstellt. Das sind "mehr als nur Kollegen", erzählt sie, während sie im gemütlichen Wohnzimmer ihres von ihr selbst renovierten Reihenhauses ihren Kater Charly streichelt.

Das Palliativ-Team besteht aus 14 Pflegefachkräften, aus den Ärzten, einer Sozialarbeiterin, den Krankenhausseelsorgern, dem Physiotherapeuten und bei Bedarf aus einer Psychologin. Sie alle verbringen auch außerberuflich Zeit miteinander wie gemeinsames Wandern, ein Grillfest im Sommer oder ein gemeinsames Weihnachtsessen. Froh ist die Stationsleiterin darüber hinaus über die Ehrenamtlichen, die immer wieder vorbeikommen und den Patienten mit der Flöte Lieder vorspielen oder ihnen Bücher vorlesen.

Martina Kümmel, die nach dem Aus ihrer Ehe ihre beiden Kinder allein beziehungsweise mit Hilfe ihrer Mutter erzog, fing an, sich in ihrem Beruf weiterzubilden, als die Kinder "aus dem Gröbsten raus waren". Sie begann mit einem Aromapflegekurs und mit "Basaler Stimulation". 2004 - die Pläne zur Einrichtung einer Palliativstation nahmen gerade Gestalt an - absolvierte sie gemeinsam mit Dr. Wolfgang Schröder eine spezielle Schulung "Palliativ" in Österreich. Eineinhalb Jahre lang dauerte später die Fortbildung zur Stationsleiterin.

Momentan ist Martina Kümmel in ihrer Rolle als Palliativ-Stationsleiterin mit der Planung eines neuen Projekts beschäftigt, der "SAPV". Das ist die Abkürzung für "spezielle ambulante Palliativversorgung". Diese soll Palliativ-Patienten die Möglichkeit geben, durch den Einsatz von medizinischen Fachkräften aus der Klinik und 24-Stunden-Rufbereitschaft zu Hause bleiben zu können.

Obwohl Martina Kümmel zu alldem als Nachrückerin im Betriebsrat und ehrenamtlich als Mitglied im Förderverein "Pro Palliativ e.V." engagiert ist und auf diese Weise mit der Klinik intensiv verwurzelt, legt sie sich nicht fest, was ihre Zukunft betrifft. "Momentan gehe ich voll auf in meinem Beruf und will mir nichts anderes vorstellen", lacht sie, aber das gelte deshalb nicht automatisch "für immer". "Alles hat seine Zeit", stellt Martina Kümmel fest, "und ich bleibe offen - für alles."

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