"Haben den Part des Speziellen"

Seit zwei Monaten verrichtet die Spezialisierte Ambulante Palliativ-Versorgung (SAPV) im Kreis Göppingen ihren Dienst. Schon jetzt zeigt sich: Der Bedarf für diese mobile Form der Hilfe ist groß.

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Unerträgliche Schmerzen, Atemnot, Todesangst - bislang erfuhren Schwerstkranke in ihren letzten Lebensmonaten meist nur auf den Palliativstationen der Krankenhäuser Linderung ihrer Qualen. Durch die "Spezialisierte Ambulante Palliativ-Versorgung", kurz SAPV, können Betroffene inzwischen auch zu Hause betreut werden, um ihnen ein würdevolles Sterben in ihrer vertrauten Umgebung zu ermöglichen. Dabei reichen die Aufgaben von einer unterstützenden Beratung bis hin zur Übernahme einer ärztlichen und pflegerischen Betreuung.

Im Landkreis Göppingen hat die SAPV der Kliniken des Kreises vor zwei Monaten ihren Dienst aufgenommen. "Die Patienten benötigen eine aufwendige Versorgung, die individuell angepasst werden muss", sagt Alexander Vater, Standortleiter des Geislinger Krankenhauses. "Wir haben die personellen und infrastrukturellen Voraussetzungen dafür geschaffen, dass die SAPV arbeiten kann, haben beispielsweise mit Unterstützung des Vereins Pro Palliativ ein Dienstfahrzeug und die PC-Ausstattung angeschafft."

"Für unseren Landkreis war es wichtig, mit denen gleichzuziehen, die es schon haben", sagt SAPV-Koordinatorin Martina Kümmel, zugleich Leiterin der Geislinger Palliativstation. Dass der Bedarf da ist, haben bereits die ersten Wochen der SAPV gezeigt: "Angefangen haben wir mit zwei Patienten, aktuell sind es neun", berichtet Martina Kümmel, "außerdem prüfen wir ständig neue Anfragen". Die ambulante Palliativ-Versorgung selbst wird von Ärzten verordnet und muss von Monat zu Monat verlängert werden, die Übernahme der Kosten beantragen der Patient beziehungsweise dessen pflegende Angehörigen bei den Kassen.

Hilfestellung respektive Beratung der Ärzte oder Angehörigen leistet dabei die Koordinationsstelle in der Helfenstein Klinik. "Wir versuchen dabei zunächst telefonisch zu klären, was Sache ist. Dann besuchen wir den Patienten zu Hause, stellen fest, welche Pflege er braucht", sagt Martina Kümmel, "wenn alle Kriterien erfüllt sind, wird der Antrag an die Kasse initiiert". Rund zehn Prozent der Sterbenden benötigen laut gängiger Expertenmeinung diese Form der ambulanten Hilfe.

Die Versorgung der Patienten selbst geschieht in enger Absprache mit den Hausärzten der Betroffenen. Dass es hier zwischen SAPV und Medizinern noch gewisse Berührungsängste gibt, verwundert Martina Kümmel nicht. "Die einen sind offener, die anderen weniger. Es braucht eben seine Zeit, bis Erfahrungen gemacht und ausgetauscht sind."

In diesem Zusammenhang wird die SAPV im Kreis Göppingen nicht müde zu betonen, dass es sich hierbei ausschließlich um ein ergänzendes Angebot handelt, sprich: man in keiner Konkurrenz zur haus- und fachärztlichen Versorgung sowie zu mobilen Pflegediensten steht. Gerade in letzterem Falle war die Befürchtung groß, hier könne sich von dritter Seite eine unüberbrückbare Kluft auftun. "Die Pflegedienste sind für die Grundversorgung zuständig, sie sorgen für Stabilität im Umfeld der Patienten. Wir dagegen haben den Part des Speziellen", erläutert Martina Kümmel, "in unserem Falle geht es um Krisensituationen".

Darum ist die SAPV auch rund um die Uhr erreichbar, das Team besteht zudem ausschließlich aus hoch qualifizierten Mitarbeitern mit bereits langjähriger Erfahrung in der stationären Palliativmedizin, die Mediziner sind ebenfalls Spezialisten in der Behandlung unheilbar Kranker. "Wir nehmen niemandem etwas weg", betont Vater, "wir wollen darum die Schnittstelle zu den Hausärzten und mobilen Pflegediensten aktiv mitgestalten, suchen das Gespräch und wollen informieren, um Ängste auszuräumen".

Schließlich ist das SAPV-Team ebenso einem Lernprozess unterworfen. "Wenn jemand in eine Klinik kommt, muss er sich dort anpassen. Wenn wir nun zu jemandem nach Hause kommen, bedeutet das, dass wir uns anpassen müssen", erzählt Martina Kümmel: "Wir müssen uns in die Situation hineindenken. Man braucht mehr Gespräche, um etwas durchzusetzen, was in der Klinik automatisch läuft. Das bedeutet, dass unsere Mitarbeiter auch viel sensibler mit bestimmten Themen umgehen müssen." Dabei spiele eine wichtige Rolle, dass die Angehörigen eines Todkranken selbst in einer psychisch schwer belastenden Ausnahmesituation sind. "Die Ehefrau ist nicht mehr nur Ehefrau, sie wird da zur Mutter und Pflegerin."

So tragisch jedes einzelne Schicksal ist: Gerade daraus schöpfen die Mitarbeiter der Care-Teams ihre Motivation. "Obwohl man von den Patienten viel zurückbekommt, kann man nicht sagen, dass der Beruf einen glücklich macht", sagt Martina Kümmel, "doch auch wenn wir an der Situation der Patienten nichts mehr ändern können, wissen wir doch, dass wir sie besser machen können. Was alle unsere Mitarbeiter auszeichnet, ist ihre Grundhaltung, dass sie zu dieser Arbeit in der Lage sind."

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