Vom Schreibtisch auf die Wiese

Kreis Göppingen.  Ob matschiger Boden oder Eiseskälte, die Auszubildenden des Landratsamts nehmen ihre Pflegepatenschaft des bedrohten Gartenrotschwanzes ernst und kümmern sich um dessen Lebensraum Streuobstwiese.

"Dann lieber Kälte als den matschig-nassen Boden von letzter Woche." So bewerten die jungen Leute den eisigen Spätvormittag wohl als das kleinere Übel. Ungemütlich ist es auf der zugigen Streuobstwiese unweit der Freien Waldorfschule in Göppingen-Faurndau allemal. Bei zweistelligen Minusgraden rechen die Jugendlichen Zweige und Äste zusammen, die kürzlich der Motorsäge von Facharbeitern zum Opfer fielen. Rund 17 Auszubildende verschiedener Fachrichtungen des Landratsamtes haben nach einer Einführung durch die Naturschutzbehörde Ende Januar damit begonnen, die 80 Ar große Fläche zu entbuschen und von Schnittgut zu befreien. Ein zweites Team von zirka 15 Azubi fuhr am Freitag mit der Pflege fort.

Im Rahmen des Aktionsplans "Biologische Vielfalt" pflegen die jungen Frauen und Männer zukünftig nicht nur die städtische Streuobstwiese, sondern sind auch Pate für den auf der Liste bedrohter Tier- und Pflanzenarten stehenden Gartenrotschwanz, der dort heimisch und ferner "Vogel des Jahres 2011" ist. Der zentrale Baustein des Aktionsplans beinhaltet in ihrem Bestand gefährdete Amphibien, Fische, Insekten, Vögel, Weichtiere bis hin zu den unterschiedlichsten Pflanzen. Peter Arndt, Leiter der Naturschutzbehörde, lobte an dem sibirisch kalten Morgen die jungen Menschen, ohne deren Einsatz die Umsetzung dieses Projektes nicht denkbar wäre: "In der Hoffnung, dass wir den Gartenrotschwanz bald in natura und nicht wie heute als Kunststoffnachbildung sehen werden."

Anschließend gaben Landrat Edgar Wolff und Regierungsvizepräsident Dr. Christian Schneider mit dem Anbringen eines Nistkastens den offiziellen Startschuss zu dieser Aktion, und Thorsten Teichert vom Umweltschutzamt lieferte bei einem Rundgang einen Einblick in die Artenvielfalt und präsentierte die ersten Pflegeerfolge. "Die Streuobstwiesen haben aufgrund ihres kulturhistorischen Bezuges eine hohe Bedeutung für den Landkreis und sind insofern prägend für das Landschaftsbild. Dieses Kooperationsprojekt mit der Waldorfschule macht Sinn, und es ist schön, dass Sie quasi zum Kümmerer werden", betonte der Amtschef, der sich ferner über die unmittelbar bevorstehende Mitgliedschaft im schwäbischen Streuobstparadies freute. Zudem sei die Vernetzung und fachübergreifende Zusammenarbeit ein Erfolgskriterium für eine leistungsfähige Verwaltung.

Insgesamt 70 Fachleute wurden in den vergangenen Jahren ausgebildet, die für die Betreuung von über 240 000 Obstbäumen auf einer Gesamtfläche von 4400 Hektar zuständig sind. Auch der Regierungsvizepräsident zollte den Jugendlichen Respekt. Er hält es für wichtig, den Artenschwund zu stoppen.

"Eigentlich geht es mit der Kälte, wenn man schnell schafft, spürt man sie gar nicht so sehr. Außerdem mache ich es ja gerne", verrät die 18-jährige Meryem Paulus, die im dritten Lehrjahr Vermessungstechnik lernt und die Abwechslung sogar prima findet. Genauso sieht es die zwei Jahre ältere Studentin Sina Lehner, die ansonsten als Verwaltungswirtin wohl eher warm und trocken sitzt: "Das ist hier draußen doch mal was anderes als der ansonsten strukturierte Büroalltag." Markus Malcher, zentraler Ausbildungsleiter, ist natürlich stolz auf seine Schützlinge: "Neben den fachlichen, methodischen und sozialen Kompetenzen kommt nun bei der fächerübergreifenden Arbeit der ökologische Aspekt hinzu. Da können die jungen Leute direkt in der Natur ihre Erfahrungen sammeln."


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Autor: SABINE ACKERMANN | 06.02.2012

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