Rechtsruck der Jungen Union lässt Mutterpartei CDU kalt

Kreis Göppingen.  Große Entrüstung über die Junge Union, doch die Kreis-CDU mahnt zur Ruhe. Vergeblich: Die "Eislinger Erklärung" ist bundesweit umstritten.

Die "Junge Freiheit" wars, die das umstrittene Positionspapier der Jungen Union auf ihrer Internetseite bundesweit bekannt machte. Die 34 Seiten umfassende Breitseite gegen den Linksdrift in der CDU unter Merkel war der deutschen Wochenzeitung, die Politikwissenschaftler als Sprachrohr der Neuen Rechten bezeichnen, einen großen Artikel wert. Ausführlich schildert der Autor die vom CDU-Parteinachwuchs geforderte Rückbesinnung auf eine christliche Leitkultur, unter der die JU unter anderem auch eine Abkehr von der Homo-Ehe, der doppelten Staatsbürgerschaft und der "Selbstgeißelung mit den Verbrechen des Dritten Reiches" versteht.

Die Reaktion ließ nicht lange auf sich warten. "Das Papier der JU ist ein Skandal", erklärte gestern der Bundesvorsitzende der Lesben und Schwulen in der SPD, Ansgar Dittmar, und stellte sich damit mit der Grünen Jugend Baden-Württemberg oder den Göppinger Jusos in eine Reihe. Alle Fortschritte, die das Land in den letzten Jahren erreicht habe, würden in Frage gestellt oder ganz und gar verurteilt. Das Mitglied des SPD-Bundesvorstands: "Dass dies von jungen Christdemokraten kommt, ist um so schockierender." Dittmar fordert von der JU auf Landes- und Bundesebene, aber auch von der Mutterpartei, sich deutlich von den Positionen des JU-Kreisverbandes zu distanzieren. "Alles andere wäre skandalös und nicht tragbar."

Der Göppinger CDU-Landtagsabgeordnete und stellvertretende Landesvorsitzende Dietrich Birk sieht dazu jedoch keine Veranlassung. Zwar sei er mit einigen besonders zugespitzten Forderungen nicht einig, gleichwohl rät Birk, das Strategiepapier als Denkanstoß in der aktuellen Debatte um ein stärkeres Profil der Union zu sehen und im CDU-Kreisvorstand zu diskutieren. "Die CDU ist eine starke Volkspartei mit liberalen, sozialen und konservativen Flügeln, die das aushalten muss", so Birk. Im übrigen distanziere sich die JU ausdrücklich von extremistischen und nationalistischen Positionen. "Ich bin froh, dass sich junge Leute ernsthaft mit Politik auseinander setzen, wenn es wie in diesem Fall auf dem Boden der freiheitlich demokratischen Grundordnung geschieht", betont Birk, selbst lange Jahre Vorsitzender der JU-Nordwürttemberg.

Weniger froh ist Jan Thielesch, Göppinger CDU-Stadtrat und bis Oktober 2009 Landesgeschäftsführer der Jungen Union: "Ich befinde mich in einer völlig anderen Lebenswirklichkeit und vertrete ganz andere Positionen, beispielsweise zu den Themen homosexuelle Lebensgemeinschaften und Integration." Er wisse auch von anderen JU-Mitgliedern, die die Positionen der Göppinger JU nicht teilten. Thielesch zählt sich zum liberalen Flügel der CDU und sieht sich als Gegenpol zum Vize-Kreisvorsitzenden der JU, Axel Raisch. Als Leiter der Projektgruppe hat Raisch das Strategiepapier "Die K-Frage der Union" mit zu verantworten. Die CDU müsse auch den konservativen Teil des Parteienspektrums - gerade auch im Interesse der Meinungsfreiheit - wieder abdecken, so wie sie es zu erfolgreichen Zeiten auch getan hat", erklärt Raisch. Der JU-Kreisvorsitzende Kai-Steffen Maier berichtet von "zahllosen positiven Rückmeldungen von CDU/CSU/JU-Mitgliedern aus ganz Deutschland".

Tatsächlich ist in der Kreis-CDU eine kontroverse Debatte um die "Eislinger Erklärung" entbrannt. "Das zeigt uns, dass die innerparteiliche Diskussion, die wir mit unserem Papier anstoßen wollten, überfällig war", sagt Maier. Dass man mit bestimmten Positionen bei einzelnen Partei-Gliederungen anecken würde, sei der Projektgruppe bewusst gewesen. "Wir haben Maximalforderungen aufgestellt, um letztendlich wieder einen für alle tragbaren Konsens zu erreichen." Das ist ein Versöhnungsangebot.


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Autor: JOA SCHMID | 15.04.2010

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