"Nichts Genaues weiß man nicht"

Geislingen.  "Nichts Genaues weiß man nicht, ein Unwohlsein bleibt." Dieses unbefriedigende Fazit zog Integrationsbeauftragter Rudi Ebert am Ende einer Informationsveranstaltung zur Fethullah-Gülen-Bewegung.

"Die Fethullah-Gülen-Bewegung - ein Partner in unserer Gesellschaft?" So lautete die Fragestellung der Podiumsdiskussion, zu der der Geislinger Integrationsrat eingeladen hatte. Anlass war der Verkauf des Martin-Luther-Hauses an einen türkischen Unternehmer, der ein Sympathisant dieser Bewegung ist. Rund hundert Zuhörer, darunter zahlreiche türkischer Herkunft, kamen zu der bisweilen emotional geprägten Diskussionsveranstaltung.

Auf dem Podium hatten Platz genommen: die Berliner Journalistin Claudia Dantschke; Aykut Düzüner, Vorsitzender der Deutsch-Türkischen Gesellschaft Stuttgart und der Islambeauftragte der Evangelischen Landeskirche, Pfarrer Heinrich Rothe. Pfarrer Wolfgang Wagner von der Evangelischen Akademie Bad Boll moderierte. Er bedauerte ebenso wie der Integrationsrat und die Podiumsteilnehmer, dass entgegen früherer Zusagen kein Vertreter der Fethullah-Gülen-Bewegung teilnahm.

Unabhängig von ihren unterschiedlichen Einschätzungen kennzeichneten die Podiumsteilnehmer Fethullah Gülen übereinstimmend so: Es ist eine Bildungsbewegung mit gemäßigtem islamisch-traditionalistischem Hintergrund. Gründer Fethullah Gülen meint, dass die Westorientierung der Türkei zum Niedergang geführt hat und zum Materialismus. Seine Bewegung stellt Wissen und Wissenschaft in den Dienst der Religion. Sie strebt gut ausgebildete Menschen an, eine neue Elite. Gülen sieht seine Gegner im Kommunismus und Atheismus.

Die Fethullah-Gülen-Bewegung hat ein internationales Netzwerk aufgebaut aus Privatschulen (zwölf in Deutschland), Nachhilfeeinrichtungen (wie die Zamam-Leseclubs), Wohnheimen, Zeitungen, Stiftungen und Lobbyvereinen. Große und kleine Unternehmer finanzieren das Ganze durch Spenden. Zumindest nach außen tritt die Bewegung offen und dialogbereit auf. Fethullah Gülen steht in Deutschland nicht unter Beobachtung des Verfassungsschutzes.

Kritiker, wie zum Beispiel Claudia Dantschke und Aykut Düzüner werfen der Bewegung mangelnde Transparenz vor. Letzterer verweist auf ein angeblich geheimes Video, in dem Gülen zur Unterwanderung der Gesellschaft aufruft. Studenten, die von Fethullah-Gülen ein Stipendium erhielten, würden verpflichtet, der Bewegung lebenslang die Treue zu halten. Abtrünnige würden mit ihrem wirtschaftlichen Ruin bestraft.

Pfarrer Rothe sieht Fethullah Gülen im Spannungsfeld der Türkei. Dort versuche gegenwärtig die alte kemalistisch-autoritäre Elite ihre Vormachtstellung zu behaupten gegenüber der neuen islamisch-offenen neuen Elite der AKP um Erdogan, in deren Umfeld er auch Fethullah Gülen einordnet. Von der AKP verspricht sich Rothe größere Freiheiten in der Türkei - auch für die christlichen Religionen.

Der evangelische Pfarrer Rothe wurde bei der Diskussion zum Verteidiger der Fethullah-Gülen-Bewegung. Er sehe keinen Anlass zu Misstrauen. Dass kein Vertreter an der Podiumsdiskussion teilnehme, dafür habe er Verständnis - sei doch die Tendenz der Veranstaltung in Richtung "Tribunal" absehbar gewesen. Ganz energisch verwahrte sich gegen diese "Unterstellung" der Geislinger Integrationsbeauftragte Rudi Ebert. Der SPD-Gemeinderat und Integrationsrat Thomas Reiff wies die Vorwürfe ebenfalls weit von sich. Er zeigte sich enttäuscht, dass Fethullah-Gülen-Vertreter ihre Zusage rückgängig gemacht hatten. Dies nähre natürlich Spekulationen über die Organisation und ihre wahren Motive. Dass die Bewegung nicht mit offenen Karten spiele, dass sie mafiöse Praktiken entwickle, in diese Richtung gingen denn auch die Befürchtungen und Vorwürfe zahlreicher Diskussionsteilnehmer aus der Zuhörerschaft.

Mehrfach wurde auch die "Frauenfrage" gestellt. Aus den veröffentlichten Reden Gülens sei bekannt, dass er ein eher konservatives und strenges Frauenbild vertrete, nach außen hin sei aber davon nichts zu merken. Vermutlich würden aber im Inneren des Netzwerkes strengere Vorgaben herrschen.Dass man über Mutmaßungen nicht hinauskomme, bedauerte auch Diskussionsleiter Wagner. Immer wieder hatte er bei den Podiumsteilnehmern nachgehakt, sie sollen doch konkret benennen und belegen, weshalb Fethullah Gülen gefährlich sei.


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Autor: PETRA FISCHER | 16.03.2010

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