Landesbeauftragte für Tierschutz: Giftköder sind Spiegelbild sozialer Konflikte

Hundehasser treiben ihr Unwesen. Meldungen über vergiftete Köder oder mit Rasierklingen und Nadeln gespickte Leckerlis reißen nicht ab. Müssen Hunde beim Gassigehen um ihr Leben fürchten?

JOCHEN HORNDASCH |

Die Angst geht um. Meldungen über ausgelegte Giftköder und Leckerlis, die mit Rasierklingen und Nadeln gespickt sind, machen deutschlandweit die Runde (wir berichteten). Wie sieht es nun im Kreis Göppingen aus? Vor Kurzem beispielsweise wurde im Schurwald der Verdacht laut, dass ein Hund einem vergifteten Köder zum Opfer gefallen sei. Auch im Raum Geislingen tauchen in den sozialen Netzwerken Warnungen über Giftköder auf.

Für Rudi Bauer von der Pressestelle des Polizeipräsidiums Ulm sind solche Meldungen nichts Neues. Zwar würden die Anzeigen von der Polizei sehr ernst genommen und auch nachgegangen. "In den meisten Fällen ist es aber nur ein vager Verdacht, dem die Beweise schuldig bleiben", sagt Bauer.

Und das ist kein Wunder. Muss sich der Hund nach einem Spaziergang erbrechen, bleibt die Ursache häufig im Dunkeln. Oft wurden größere Strecken zurückgelegt und der Ort, an dem der vermeintliche Giftköder gefressen wurde, lässt sich nicht mehr bestimmen. Auch die Frage, ob es sich wirklich um einen Giftköder oder um irgendetwas anderes handelte, das gesundheitliche Beeinträchtigungen ausgelöst hat, ist nach Bauers Worten schwer nachweisbar.

Anders dagegen, wenn Rasierklingen oder Nadeln verschluckt wurden. Solch mörderische Gegenstände kommen im Röntgenbild beim Tierarzt schnell ans Licht. Und nur durch eine Operation kann das Leben des Tieres gerettet werden. Doch Rudi Bauer gibt Entwarnung. In seinem regionalen Zuständigkeitsbereich, zu dem auch der Kreis Göppingen gehört, sei ihm kein Fall bekannt, an dem vorsätzlich ein Tier durch einen überführten Hundehasser zu Schaden kam. Nur dunkel erinnert er sich an einen Wurstköder, der mit Ameisengift behandelt war. Mehr nicht.

Ähnlich sieht es auch Dr. Michael Pettrich vom Amt für Veterinärwesen und Verbraucherschutz des Landkreises Göppingen. Diese Art der vorsätzlichen Tierquälerei gehöre zwar in erster Linie zum Aufgabenbereich der Polizei und in seiner Funktion als Tierschützer sei er nur am Rand davon betroffen. Doch konkrete und nachgewiesene Fälle, bei denen Hunde Giftköder verschluckt hätten, seien ihm nicht bekannt. Meist handelt es sich laut Pettrich bei den Verdachtsmomenten um Mutmaßungen ohne stichhaltige Beweise, die durch die sozialen Medien in Windeseile verbreitet werden. Diese Gerüchte würden sich wacker halten, eine gewisse Eigendynamik entwickeln und wie eine sogenannte Großstadtlegende Angst und Schrecken erzeugen. Doch in keinem einzigen Fall habe sich der Verdacht bestätigt, dass ein Hundehasser sein Unwesen getrieben hätte.

Die Landesbeauftragte für den Tierschutz, Dr. Cornelie Jäger, hat zwar den Eindruck, dass Berichte über ausgelegte Giftköder deutlich zugenommen haben. Und es hätte auch nachweislich Vergiftungen gegeben. Doch den statistischen Beweis dafür könne sie nicht liefern. "Die Aussicht, einen Täter zu überführen, ist sehr gering", sagt die Tierschutzbeauftragte.

Aus der Anonymität heraus würden auf dem Rücken der Tiere Konflikte ausgetragen, die eigentlich in den sozialen und zwischenmenschlichen Bereich gehören. Jogger würden sich über frei laufende Hunde ärgern, andere wiederum über stinkende Hinterlassenschaften, die Hundehalter ungeachtet liegen lassen, und wieder andere Zeitgenossen fühlen sich durch lautes Bellen belästigt. "Anstatt miteinander zu reden wird der Konflikt verlagert und der Hund zum Sündenbock gemacht", sagt Cornelie Jäger.

Sie appelliert deshalb an eine zivilisierte Streitkultur, in der Meinungsverschiedenheiten offen angesprochen und diskutiert werden. Für ein besseres Miteinander könnten auch die Kommunen einen ausgleichenden Beitrag leisten. Ein Leinenzwang auf bestimmten besonders frequentierten Joggingstrecken etwa - innerorts ist er in den Kommunen des Landes ohnehin Pflicht - oder ein besseres Durchgreifen, wenn Hundehalter die Hinterlassenschaften ihrer Vierbeiner nicht einsammeln, könnte nach Ansicht Jägers mit dazu beitragen, Streitigkeiten zu entschärfen.

Ein Kommentar von Michael Schorn: Das ist schon abartig

Immer wieder kommt der Verdacht auf, dass Hunde und andere Haustiere gezielt mit Ködern vergiftet worden sind - auch im Kreis Göppingen. Dort tauchen vor allem aus dem Raum Börtlingen diese Meldungen auf. Ob da tatsächlich ein Hundehasser unterwegs ist, kann die Polizei allerdings nicht bestätigen. Sie hat bislang keinen derartigen Tierquäler ausfindig machen können. Natürlich nervt nicht weggeräumter Hundekot am Wegesrand, und Jäger sind zu Recht verärgert, wenn die Vierbeiner nicht angeleint im Wald herumlaufen und das Wild aufschrecken oder gar jagen.

Dennoch muss eines klar sein - egal ob man nun Hunde mag oder nicht. Es gibt keine Entschuldigung dafür, dass Menschen aus Hass auf die Vierbeiner vergiftete oder beispielsweise mit Rasierklingen gespickte Köder auslegen. Die Tiere müssen auf diese Weise einen qualvollen Tod erleiden. Zumal das Fehlverhalten, sollte es eines geben, meist auf der Seite von Herrchen und Frauchen zu suchen ist. Denn die sind für das Tier verantwortlich.

Daher ist es schon abartig, Giftköder für Haustiere auszulegen. Wer immer so etwas tut, sollte im Hinterkopf behalten: Das ist eine Straftat. Und diese gehört entsprechend strafrechtlich verfolgt. Seinen Frust über Hundehaufen und sonstige störende Dinge an den Hunden auszulassen, ist darüber hinaus auch moralisch armselig. Denn die Tiere können sich nicht wehren.

Ein Kommentar von Jochen Weis: Die ärmsten Schweine

Die Fronten sind verhärtet: Auf der einen Seite stehen die Hundefreunde, für die ihr Tier ein wichtiger Lebensbegleiter ist, der für Freude sorgt und in dunklen Stunden für Aufmunterung. Für diese Menschen ist der Tod ihres Hundes genauso tragisch wie der Verlust eines Menschen. Auf der anderen Seite stehen die Hundehasser. Deren Vokabular geht schnell in Verachtung über, "Drecksköter, die alles zuscheißen" ist da noch die feinere Wortwahl, die Drohung, "die Mistviecher zu vergiften, damit Ruhe ist" schnell hinterhergeschoben. Die Hunde sind in diesem Konflikt die ärmsten Schweine, auf sie projiziert sich der ganze Hass - nur sie können sich nicht wehren.

Nehmen wir den Fall Hundehaufen, die an Stellen liegen, an die sie nicht hingehören. Selbstverständlich mag es niemand, wenn Tretminen in seinem Garten liegen oder auf Kinderspielplätzen, ohne Frage ist es abstoßend. Aber deswegen ausnahmslos alle Hunde (und in der Folge Hundehalter) an den Pranger zu stellen, ist gefährlich vereinfachend - und liefert womöglich kranken Hirnen die Rechtfertigung, mal eben Gift auszulegen. Für die, die es nicht wissen: Das ist eine Straftat! Es ist doch nicht der Lebenszweck eines jeden Hundes, alle zehn Meter einen Haufen abzusetzen. Er macht dorthin, wohin ihn sein Herrchen oder Frauchen bringt. Was also spricht dagegen, jenes Herrchen oder Frauchen anzusprechen, wenn sie den Hund geradezu nötigen zu seinem verboteten Tun?

In dem Zusammenhang ist es korrekt, wenn Kommunen Bußgelder gegen Hundebesitzer verhängen, die die Polizeiverordnungen geflissentlich ignorieren. Das wird jeder echte Hundefreund unterschreiben. Die andere Geschichte: Es ist nachvollziehbar, dass vielen Leuten mulmig wird, wenn beim Spaziergang im Gelände ein Hund auf sie zurennt (in den Ortschaften herrscht Leinenzwang) und ein verzweifeltes Herrchen hinterher, weil es das Tier so gut im Griff hat wie die Maus die Katze. Oder aber der Ruf erschallt, "der tut nichts". Dass solche Situationen oft in heftige Anfeindungen münden, ist nicht verwunderlich. Da stößt die Sorglosig- oder Nachlässigkeit mancher Hundehalter auf die vielfach anerzogene Angst vor Hunden, die ja alles und jeden beißen.

Dabei lassen sich solche Situationen leicht vermeiden, indem die einen ihre Tiere auf viel frequentierten Wegen anleinen und die anderen einfach mal auf sachliche Kommunikation setzen. Etwas mehr Lockerheit im Umgang miteinander tut not, zudem mehr Respekt vor der Kreatur, aber vor allem etwas weniger plumpe Verallgemeinerung.

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