LEITARTIKEL: Große Verantwortung

"Der Wähler muss sich fragen, ob er mit seiner Stimme zur Bildung einer stabilen Regierung nach seinen Wünschen beitragen will, oder mit einer Protestwahl eben dies verhindert", schreibt Redaktionsleiter Karsten Dyba in seinem Leitartikel. Die Verantwortung, die der Wähler trägt, ist dieses Mal besonders hoch.

KARSTEN DYBA | 1 Meinung

Was wird das wohl für eine Wahl werden? Es zeichnet sich ein Wahlergebnis ab, das im Ländle wohl einiges auf den Kopf stellen wird. Offensichtlich schwinden die Mehrheiten für die einstigen großen Volksparteien CDU und SPD. Die Lager verschieben sich, teilweise sogar an den gesellschaftlichen Rand. Und die politische Mitte zersplittert. Klar ist: Die kommende Wahl ist das Ende einer Ära der Volksparteien. Die Landespolitik wird sich auf fünf Parteien im Landtag einstellen müssen.

Vor fünf Jahren war der Wahlkreis Geislingen der große Gewinner: Erstmals entsendete er mit Sascha Binder einen zweiten Abgeordneten nach Stuttgart, der Landkreis Göppingen insgesamt also fünf. Wie wird es nach dem Wahlsonntag im Wahlkreis Geislingen aussehen? Nicole Razavi von der CDU wird wohl ihr Direktmandat verteidigen können. Sascha Binder von der SPD bangt um das seinerzeit so überraschend gewonnene Landtagsmandat: Er braucht in Geislingen ein mehr als gutes Wahlergebnis.

Stattdessen könnte der Grünen-Kandidat Eckhart Klein mit ähnlichem Glück wie seinerzeit Binder einen Sitz im Landtag ergattern – und bräuchte dafür nicht einmal ein solch gutes Ergebnis wie sein Vorgänger Bernhard Lehle vor fünf Jahren.

Und die AfD? Da mit einer großen Zahl an Überhangmandaten zu rechnen ist, könnte auch sie einen Kandidaten aus dem Wahlkreis Geislingen oder aus Göppingen in den Landtag schicken. Denkbar wäre, dass der Landkreis künftig sogar sechs Abgeordnete hat. Eine Regierungsbildung in Stuttgart wird jedenfalls schwierig. Wie dem auch sei, am Ende gilt eben doch eine demokratische Weisheit: Der Wähler hat immer recht. Und seine Verantwortung ist diesmal groß: Denn er muss sich fragen, ob er mit seiner Stimme zur Bildung einer stabilen Regierung nach seinen Wünschen beitragen will, oder mit einer Protestwahl eben dies verhindert.

Jeder zweite Baden-Württemberger hat sich kurz vor der Wahl noch nicht entschieden, stellte dieser Tage das ZDF-Politbarometer wieder einmal fest. Man darf gespannt sein, ob der Wähler die Qual der Wahl auf sich nimmt. Vor zehn Jahren war das nicht oft der Fall: 2006 hat fast die Hälfte der Wahlberechtigten im Wahlkreis Geislingen sich dafür entschieden, gar nicht erst zu Wahl zu gehen. Fünf Jahre später – angesichts Stuttgart 21 und Fukushima – war die Wahlbeteiligung mit 68,4 Prozent vergleichsweise hoch. Und diesmal? Wer nicht wählen geht, darf hinterher nicht meckern. Also: Geben Sie Ihre Stimme ab!

1 Kommentar

12.03.2016 00:00 Uhr

Wahlchancen von Eckhart Klein

Anders als Herr Dyba behauptet, braucht Eckhart Klein von den Grünen tatsächlich ein ganz hervorragendes Ergebnis, um auch nur eine Chance auf einen Landtagssitz zu bekommen – auf jeden Fall ein deutlich besseres als Bernhard Lehle und die Grünen vor fünf Jahren.

Entweder Eckhart Klein bekommt mehr Stimmen als Nicole Razavi und erringt damit das Direktmandat in Geislingen. 2011 bekamen Nicole Razavi und die CDU aber noch fast doppelt (!) so viele Stimmen wie der damalige Grünenkandidat Bernhard Lehle. Nach den derzeitigen Hochrechnungen ist das nicht mehr ausgeschlossen – aber es ist ein überaus sportliches Ziel!

Oder Eckhart Klein bekommt ein Zweit- oder Ausgleichsmandat: Dazu müsste sein Ergebnis zu den besten gehören, die grüne Kandidaten (im Regierungsbezirk Stuttgart) erzielen. Er müsste sich also gegen die – diesmal viel härtere – Konkurrenz unter den anderen grünen Landtagskandidaten durchsetzen. Bernhard Lehle und den Geislinger Grünen gelang dies vor fünf Jahren nicht: Es kamen die 14 erfolgreichsten Grünen im Regierungsbezirk in den Landtag, Bernhard Lehle war aber erst auf Rang 18. Es fehlten nur 430 Stimmen, aber immerhin.

Diesmal wird es viel schwieriger: Denn diesmal werden die Grünen sehr viel weniger, womöglich gar keine Zweit- und Ausgleichsmandate erhalten. Bewahrheiten sich die derzeitigen Hochrechnungen, kommen in den größeren Städten fast alle Grüne schon mit Direktmandaten ins Parlament, so viele, dass die Landesgrünen gar keine Zweit- und Ausgleichssitze mehr bekommen.

Eckhart Klein und die Geislinger Grünen haben also weiß Gott keine Stimmen zu verschenken. Und man darf nicht vergessen: Auch wenn er nicht einen Landtagssitz gewinnt, ist jede Stimme für Eckhart Klein auf jeden Fall eine Stimme für Winfried Kretschmann und die Fortführung der Grün-roten Koalition – die einzige Stimme für Winfried Kretschmann, die jeder Wähler, jede Wählerin hat! Ich hoffe, Herr Dyba hat hier nicht allzusehr zur Desinformation beigetragen. Es ist mir völlig schleierhaft, wie er auf seine Fehleinschätzung kommt. Eine neutrale Berichterstattung kurz vor der Wahl, wie eigentlich angekündigt, ist das ganz bestimmt nicht.

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