Jung und in Hartz IV

Geislingen.  Die Weichen fürs Berufsleben werden frühzeitig gestellt - viel zu früh, wie ein 28-Jähriger aus Geislingen meint, der schon bald in "Hartz IV" gelandet ist. Er glaubt, den falschen Beruf erlernt zu haben.

"Ich war zu jung, um entscheiden zu können, was ich möchte", sagt ein 28-Jähriger, der inzwischen die Höhen und Tiefen der Arbeitssuche hinlänglich kennt. Die Hauptschule hat er relativ gut absolviert, hätte dann aber gerne über die Werkrealschule einen höheren Abschluss angestrebt. Die Eltern zögerten mit den Worten: "Lerne einen Beruf und verdiene Geld." Ihr Sohn hatte bereits einen Realschul-Versuch hinter sich.

Die Verlockung auf eigenes Geld überzeugte den damals 17-Jährigen. Er begann eine Lehre als Zimmermann, die er auch durchstand, wenngleich er dabei "nicht sonderlich viel" gelernt habe. Er sei auf den Baustellen meist nur mit Hilfsdiensten betraut worden. Inzwischen weiß er, dass er in seinem erlernten Beruf schlechte Karten hat, nachdem ihm die geforderten Kenntnisse zum Einbau von Solar- und Fotovoltaik-Anlagen auf den Dächern fremd sind.

Nach der Lehre nicht übernommen ("wegen der Bauflaute"), war er mit 20 erstmals arbeitslos. Die Agentur für Arbeit habe ihn zu einem Jugendförderkurs in den Waldeckhof nach Göppingen geschickt. Dort wurde der junge Mann in der Garten- und Landschaftspflege eingesetzt. Doch in den Computer- und Deutschkursen, die im theoretischen Unterricht angeboten wurden, fühlte er sich unterfordert. Derlei Nachhilfe habe er nicht gebraucht, sagt er und kritisiert, dass das Bildungsniveau der Teilnehmer sehr unterschiedlich gewesen sei. Schon nach einem Monat gab er auf, weil er eine Stelle in Aussicht hatte - bei einem größeren Holzunternehmen auf der Alb. Doch er überdauerte nur die Probezeit. Grund, wie er es sieht: Nie gelernt zu haben, selbstständig zu arbeiten.

Bei den Eltern noch wohnhaft und von ihnen versorgt, verzichtete er auf Unterstützung durch die Agentur für Arbeit: "Ich dachte, ich schaffe es von allein." Tatsächlich kam er bald bei einem Landschaftsgärtner unter. Pech nur, dass dieser wenig später pleite ging.

Es folgte eine schlechte Erfahrung mit einer Leiharbeitsfirma: Obwohl er im Aufnahmeverfahren die Frage nach Schichtarbeit mit "nein" beantwortet habe, sei dies nicht akzeptiert worden. Eine feste Anstellung fand sich dann in einem Biergarten, wo er über drei Sommer hinweg der Bierzapfer war. Das Verdiente habe ihn, bei entsprechender Sparsamkeit, über die Wintermonate gerettet. Dass er dabei auch die Beiträge zur Krankenversicherung einsparte und während der Wintersaison keinen Versicherungsschutz genoss (was seit 2008 übrigens nicht mehr passieren kann), war ihm egal.

Schließlich, das räumt der junge Mann ein, setzten ihn die Eltern vor die Tür, sodass er ein eigenes Zimmer anmieten musste. Ein Job als Speditionsfahrer ("entlang der A 81 Autohändler mit Autoteile beliefert"), verschaffte ihm finanzielle Luft - aber auch nur vorübergehend, denn der Betrieb wurde insolvent. Das war 2006. Obwohl er nach seinen früheren Erfahrungen den Kontakt mit der Agentur für Arbeit bis dahin gemieden hatte, meldete er sich nun arbeitslos - und bekam ein Jahr lang Arbeitslosengeld I.

Zusammen mit seiner Freundin, die eine Arbeitsstelle hatte und sich zudem auf Unterhaltszahlungen und Kindergeld stützen konnte, hielt er sich "gut über Wasser", berichtet er. Gemeinsam zogen sie in eine kleine Mietswohnung. Doch die finanzielle Situation änderte sich, als er in Hartz IV fiel ("Arbeitslosengeld II"): Sie wurden als "eheähnliche Gemeinschaft" veranlagt. Die Folge: Ihm stand nicht der volle Hartz IV-Satz (plus Miete und Nebenkosten) zu.

Noch schlimmer kams, als seine Freundin ein Studium begann und - weil ihre Eltern auch nicht gerade betucht sind - nach dem Bundesausbildungsförderungsgesetz (kurz BAföG genannt) Unterstützung bezog. Nun fehlte nicht nur ihr bisheriges Gehalt, sondern das geringere BAföG kürzte weiterhin den Hartz IV-Satz ihres Partners.

Der junge Mann schrieb "sicher mehr als hundert Bewerbungen" - weit mehr, als fünf pro Monat, wie sie das Job-Center einfordert. Von dort, so klagt er, seien ohnehin nur verschwindend wenige Angebote gekommen, obwohl er seine Stellensuche auch auf Kurierfahrer oder Bauhilfsjobs ausgedehnt habe.

Er bekam zu spüren, was es heißt, mit minimalster Unterstützung zu leben: Soziale Kontakte brechen ab. "Ich habe nur noch Aktivitäten gesucht, die nicht viel kosten." Beispielsweise mit vielen Freunden kegeln, sodass sich die Kegelbahnkosten für den Einzelnen verringern. "Was mehr als fünf Euro pro Person kostet, geht nicht", sagt er. Ausflüge gabs nur, wenn "mich meine Kumpels im Auto mitgenommen haben". Sehr geholfen habe ihm aber die aktive Mitgliedschaft in einem Sportverein - "sonst wäre ich in die Arbeitslosen-Melancholie" verfallen. Dort sei er oft wieder "psychisch gepuscht" worden. Bis hin, dass man ihm gesagt habe, er sei "unausstehlich" geworden. Dies habe ihm jedes Mal zu denken gegeben. Und als eines Tages ein unerwartetes Job-Angebot nur daran scheiterte, dass er nicht Gabelstapler fahren konnte, drängte er eigenen Worten zufolge das Job-Center, ihm eine solche Ausbildung zu ermöglichen. Dieses sei ihm zuvor nie vorgeschlagen worden, kritisiert er. Stattdessen häufige Hinweise auf Sanktionen, die ihm drohten, wenn er dieses oder jenes nicht einhalte.

Der Gabelstapler-Führerschein bescherte ihm für Anfang April tatsächlich einen Job: Bei einer Zeitarbeitsfirma, wo ihm Lohn und Vertragsbedingungen zusagen. Schon ist er voll Euphorie: "Die finanzielle Lage entspannt sich." Endlich auch wieder mit Freunden etwas unternehmen können: "Man fühlt sich ganz anders, nicht mehr so eingeengt." Und seine Freundin wird auch einen Ferienjob annehmen können, ohne dass dies seine Einkünfte schmälert. Vorbei auch die Zeit, in der alles, was mit Geld zu tun hat, streng überwacht wurde. Bis hin, dass ihn das Job-Center einmal auf ein Konto hingewiesen habe, dass er nicht angegeben hatte: Eines, das seine Eltern vor langer Zeit für ihn angelegt hätten - "mit noch drei Euro drauf". Dabei ist ihm klar geworden: "Ist man Hartz IV-Empfänger, wissen die mehr über einen als man selbst."


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Autor: MANFRED BOMM | 15.04.2010

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