"Es ist zu spät - der Zug ist schon abgefahren"

Geislingen.  Das Bahnprojekt "Stuttgart 21" sorgt für heftige Proteste und viele Diskussionen. Mittlerweile sollen über 50 Prozent im Ländle dagegen sein. Was denken Geislinger Passanten darüber? Eine Momentaufnahme.

"Ich bin so zwischendrin", sagt Roland Wölfel. "Einerseits dafür, andererseits gegen das Projekt." Es sei toll, wenn Stuttgart einen modernen Bahnhof bekäme. Davon würden auch die Geislinger profitieren. "Das Konzept überzeugt mich aber trotzdem nicht", betont der 63-jährige Ruheständler. Er führt als Argumente an, dass der Neubau den Güterverkehr einschränke, die Kosten immens seien. Er bedauert, dass das Bahnhofsgebäude in der jetzigen Form verschwindet: "Es ist schade drum."

"Es gibt so viele Punkte in der Diskussion, als Laie kann man es gar nicht überblicken", sagt Esther Müller. Sie meint, dass es bei Investitionen keine falsche Zurückhaltung geben sollte. "Wir alle wollen es schnell, schön und komfortabel haben", sinniert die 45-Jährige, die in ihrer Entscheidung für oder gegen "Stuttgart 21" schwankt und sich fragt, ob der Preis dafür nicht zu hoch sei. Die Krankenschwester ist sich nicht sicher, ob die Bauarbeiten nicht doch die umliegenden Häuser in Mitleidenschaft ziehe und wer dann für die eventuellen Schäden aufkommt. "Der Zug ist eh schon abgefahren", meint die Tübingerin. "Die Proteste kommen zu spät." Es sei wie bei einem Hausbau, man könne nicht zuerst planen und dann beim Baubeginn sagen: Jetzt doch nicht mehr.

Rita Schweizer ist für das Projekt: "Es sieht auf den Plänen gut aus. Alles auf einer Ebene, nah und bequem." Die Krankenschwester hat aber auch Zweifel, fürchtet Nachteile für den Regionalverkehr: "Es werden dann eher große Verbindungen bevorzugt, die kleinen fallen weg." Die 44-Jährige findet, dass ein Teil der Proteste politisch geschürt sei: "Das ist taktisch unklug." Die Tübingerin meint, für die Stadt sei die Baustelle ein Segen, sie bringe Arbeitsplätze, die örtlichen Firmen würden davon profitieren. Einen Nutzen durch die Schnellbahntrasse zwischen Ulm und Wendlingen kann sie nicht erkennen: "Der Gewinn von zehn Minuten bei den ständigen Verspätungen der Bahn rechtfertigt diese Baumaßnahme keinesfalls."

Franz Weilguni gehört zu den Gegnern von "Stuttgart 21". Der Familienvater argumentiert mit den hohen Kosten des Projekts: "Es heißt, wir sollen alle sparen. Gleichzeitig werden Milliarden für so ein Projekt ausgegeben." Er bestätigt, dass es während der langen Planungsphase wenig Protest gab. "Vor 15 Jahren gab es aber auch noch kein Hartz IV", gibt der 32-Jährige zu bedenken. "Bei der wirtschaftlichen und sozialen Situation jetzt ist es nicht in Ordnung, so viel Geld für einen Bahnhof auszugeben." Der Nutznießer von "Stuttgart 21" wäre die Bahn. "Wenn sie Gewinn macht, soll sie auch das Projekt nur mit Eigenkapital finanzieren und nicht mit unseren Steuerngeldern." Der Krankenpfleger vertritt die Auffassung, die Politik ignoriere die Proteste der vielen Bürger: "Wir haben sie gewählt. Sie sollen den Bürger und seine Argumente anhören." Weilguni kann die Argumente der Befürworter nachvollziehen, er selbst sieht aber nicht genügend Vorteile im Projekt.

"Ich bin absolut dagegen", sagt Katharina Bachmann. "Das Ganze ist total unnötig." Die 16-Jährige aus Geislingen diskutierte oft über das Projekt in der Schule. "Eigentlich können wir uns das nicht leisten", bemerkt die Schülerin des Michelberg-Gymnasiums und denkt laut über eine Kompromisslösung nach: "Lieber umändern und der Situation anpassen, statt zu sagen, einmal geplant, das ziehen wir jetzt durch, ungeachtet der Proteste."

Timo Unterlöhner aus Geislingen findet, der Umbau verändere das ganze Stadtbild von Stuttgart. "Es muss nicht sein", meint der 34-Jährige. Vor allem schmerzt den gelernten Gas-Wasser-Installateur, dass das denkmalgeschützte Bahnhofsgebäude verstümmelt wird: "Es ist wie ein abgehacktes Bein." Die Proteste kämen zwar spät, aber "bei den langen Planungen wusste keiner, wann und ob es realisiert wird."


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Autor: JOANNA STOLAREK, TEXT CHRISTOPH WOLFINGER, FOTOS | 03.09.2010

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