Ernüchternde Zwischenbilanz

Geislingen.  Durch undurchsichtige Machenschaften kam zu Jahresbeginn das Aus für die Firma Enfumo. 69 Leute verloren ihren Job. Die GZ verfolgt den Lebensweg von sechs Betroffenen. Die Zwischenbilanz ist ernüchternd.

Es ist schon länger als ein halbes Jahr her, dass die Geislinger Enfumo-Beschäftigten quasi bei Nacht und Nebel ihren Arbeitsplatz verloren haben. Was ist aus den Betroffenen geworden? Den Lebensweg von sechs von ihnen verfolgt die GZ weiter. Und die haben nach wie vor eines gemeinsam: Bis dato hat keiner eine neue Anstellung gefunden.

Frank Flamang ist immerhin nah dran. "In drei, vier Wochen bin ich wieder in Lohn und Brot", ist der 39-Jährige aus Heldenfingen zuversichtlich. Er blieb in der Zwischenzeit nicht untätig: Von Anfang April bis Mitte Juni absolvierte er eine Weiterbildung für Lager und Logistik. Derzeit schafft er auf dem Bau - im Jargon der Arbeitsagentur ist das eine "Probearbeit". Bei Enfumo und der Vorgängerfirma Arabella war Flamang in der Lamellenfertigung beschäftigt, außerdem ist er gelernter Metzger und Flaschner. "Ich war schon immer flexibel", betont er. Da die Arbeit auf dem Bau jetzt wieder etwas anzieht, sieht er für sich dort gute Berufschancen.

Mit den alten Arabella-Kollegen hält er noch Kontakt, seis über die Kegelgruppe, seis alle vier bis sechs Wochen bei einem Pizzaessen.

53 Bewerbungen hat Demir Hassan schon geschrieben, bisher aber umsonst. Mit jedem neuen Schreiben, das er losschicke, keime wieder Hoffnung - bis die Unterlagen mit der Absage zurückkommen. "Ohne Ausbildung ist es schwer", weiß der 40-Jährige aus Geislingen. Bei Arabella-Enfumo war er Lagerist, Maschinenbediener und Betriebsrat.

Über die IHK strebt er nun eine Ausbildung zum Maschinen- und Anlagenbediener an. Eineinhalb Jahre würde das dauern, zwei Tage pro Woche Schule mit Theorie, drei Tage betriebliche Praxis in Plochingen. Eine Voraussetzung dafür ist aber, dass Demir Hassan ein neues Abeitszeugnis beibringt. Das habe ihm Enfumo-Insolvenzverwalter Geiwitz seit Langem zugesagt, doch bis heute seis nicht da.

Um finanziell über die Runden zu kommen, muss Demir Hassan - er hat Frau und noch drei zu Hause lebende Kinder - rechnen und sparen: 1370 Euro Arbeitslosengeld, minus 550 Euro Kaltmiete, minus 270 Euro für Strom. Hinzukommen 270 Euro Mietzuschuss. 350 Euro verdient seine Frau dazu.

Demir Hassan sitzt viel vor dem PC, geht mit den Kindern spazieren, besucht eine türkische Gaststätte. "Ich hänge rum", befindet er und ist damit unzufrieden. "Ich will nicht warten, bis ich Hartz-IV-Empfänger werde." Schon jetzt fühlt er sich wie auf dem Abstellgleis, wie ein Almosenempfänger.

Die persönliche Situation von Karola Wirth ist anders. Dem Enfumo-Ende weint sie keine Träne nach. "Ich habe drei Jahre Mobbing im Betrieb hinter mir. Für mich war es eine Erlösung." Eine bittere Bilanz nach 33 Arbeitsjahren bei Arabella und Enfumo, als Näherin für Jalousien und in der Rolladen-Vormontage. In der kommenden Woche wird Karola Wirth 62 Jahre alt. "Zwei Jahre arbeitslos, dann Rente", kommentiert sie das illusionslos. Ihr Nebenjob als Kassiererin an einer Tankstelle läuft weiter.

Jüngst traf sie ein weiterer Schicksalsschlag: Sie hatte ihre schwer kranke und pflegebedürftige 85 Jahre alte Mutter zu sich nach Gruibingen geholt; am Dienstag war die Trauerfeier.

"Ich schicke blind überall hin meine Bewerbungsmappe, zu Odelo, WMF, Strassacker, zur MinAG", erzählt Andreas Kirchler. Er möchte lieber heute als morgen wieder einen festen Job. "Bei der Stadt Geislingen habe ich mich als Hausmeister beworben", berichtet der 41-Jährige, der bei Enfumo zuletzt im Lager arbeitete. Die Arbeitsagentur bescheinigte Kirchler, dass seine Bewerbungsmappe topp ist. Stellenangebote hatte sie bisher aber keine für ihn. "Ich muss von mir aus gucken, ich muss aktiv werden", das beherzigt der Familienvater aus Geislingen. Die Agentur macht ihm nur insofern Hoffnung: Wenn die Wirtschaft jetzt wieder besser läuft, sei damit zu rechnen, dass vielleicht nach den Sommerferien die Betriebe an Neueinstellungen denken.

Seinen Bewerbungsmappen legt Kirchler ein Zwischenzeugnis von Arabella bei. Per Einschreiben hat er dort ein neues Zeugnis eingefordert - und erhielt zur Antwort, dass er dort nie beschäftigt gewesen sei. Nach 20-jähriger Betriebszugehörigkeit. "Eine Schweinerei, sogar danach werfen sie einem noch Prügel in den Weg", empört sich Kirchler.

Finanziell muss seine Familie den Gürtel etwas enger schnallen, zumal Konkursausfallgeld und Arbeitslosengeld erst mit monatelanger Verzögerung ausgezahlt worden seien. Vorauszahlungen, Nachzahlungen, Abrechnungen - und viel Bürokratie und Anrufe und Nachfragen. Kirchlers Frau hat nach einem komplizierten Beinbruch keine Arbeitsstelle mehr gefunden - in diesem Fall springt eine Unfallversicherung ein. Kirchler fasst seine Situation so zusammen: "Wir hatten glücklicherweise keine Schulden, so kommen wir mit den 1400 Euro Arbeitslosengeld zurecht."

"Fußball gucken, das konnte ich vor vier Jahren nicht, da hatte ich immer Spätschicht." Immerhin ein Vorteil. Doch dann redet Udo Heinemann über seine anhaltende Hausmann-Situation Klartext: "Zu Hause zu sein, geht mir auf den Sack." Der 44-Jährige war Maschinenbediener bei Enfumo. Im März verlor seine Frau ihren Arbeitsplatz bei Arabella. Als Exportkauffrau sei sie nun überflüssig, das werde künftig von der Konzernmutter Hella in Österreich aus erledigt. "Vor vier Jahren haben sie uns aus Oldenburg hierher geholt - und jetzt wurden wir so behandelt", resümiert Heinemann bitter.

"Ich will arbeiten, aber nicht für n Appel und n Ei", stellt er klar. Deshalb habe er schlecht bezahlte Angebote von Zeitarbeitsfirmen abgelehnt. Vielleicht, dass sie nach Oldenburg zurückgehen, vielleicht ins Ausland. Flexibel seien sie. Zelte abbrechen und wieder ganz neu anfangen, das nahmen die Heinemanns ja schon mal in Kauf.

Zehn Bewerbungen hat Hans-Helmut Strauß, der frühere Enfumo-Betriebsratsvorsitzende, losgeschickt. Bislang erhielt der 55-jährige Fachlagerist mit Jahrzehnte langer Berufserfahrung nur Absagen. Bei einer Zeitarbeitsfirma in Aalen stellte sich der Donzdorfer auch vor - doch nein, zu diesen miesen Konditionen will er seine Arbeitskraft nicht verkaufen, noch nicht. "Ich habe nicht das Gefühl, dass es auf dem Arbeitsmarkt aufwärts geht", sagt er. Nur die Zeitarbeit boomt. 60 zusätzliche Leute bei Odelo in Geislingen - alle Leiharbeiter.

Als Aushilfsfahrer für eine Göppinger Firma, die Metallteile beschichtet, arbeitet Strauß, der den Lkw-Führerschein hat, einige Stunden pro Woche. 165 Euro darf er dazuverdienen, ist es mehr, wirds vom Arbeitslosengeld abgezogen. Wichtiger ist ihm, dass er über diese Tätigkeit seine Fühler ausstrecken kann, ob nicht doch irgendwo was frei ist, ob jemand einen wie ihn braucht. Andererseits ist Strauß Realist. Zugespitzt formuliert ers so: "Heute hätten die Unternehmen am liebsten einen Mitarbeiter mit 30 Jahren Berufserfahrung, aber 22 Jahre jung und billig."

Strauß hat 18 Monate Anspruch auf Arbeitslosengeld. Was dann? Er erwägt eine Qualifizierung zum Hausmeister - oder doch eher einen Schweißerkurs? Wenns hart auf hart kommt, würde er auch bei einer Zeitarbeitsfirma anheuern.

Seine Frau, die schon zweimal arbeitslos wurde, hat derzeit nur einen 400-Euro-Job. Doch das Haus ist abbezahlt - "Gott sei Dank", die ältere Tochter ist berufstätig, die jüngere schließt wohl Ende des Jahres ihr Studium ab. Und die Außenrenovierung des Hauses hat Strauß mal zurückgestellt. "Irgendwie werden wir das Kind schaukeln." Der besonnene, ruhige Mann macht sich damit selber Mut. Er ist bedrückt. "Mal denke ich, super, dass ich bei dem herrlichen Wetter nicht arbeiten muss." Doch das ändert sich postwendend, wenn die nächste Absage auf eine Bewerbung ins Haus flattert: "Auch die wollen dich also nicht. Da sinkt die Stimmung. Nein, auf Dauer ist das kein Zustand."

Strauß schafft jetzt viel im großen Garten, hat Kirschen geerntet und selber zu Marmelade eingekocht. "Wenn ich mich in diese Arbeit vertiefe, lenkt das ab, ich denke dann nicht an meine Situation."

37 Jahre lang arbeitete Strauß bei Arabella beziehungsweise der Tochterfirma Enfumo. Wie viele weitere seiner entlassenen Kollegen klagt er gegen die dubiose Enfumo-Abwicklung. Arabella, beziehungsweise die Konzernmutter Hella in Tirol soll in die finanzielle Pflicht genommen werden. Doch er weiß: Das kann dauern. . .


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Autor: RODERICH SCHMAUZ | 12.07.2010

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