Ein Reigen Geislinger Köpfe

Geislingen.  Ein Stadt-Schau-Spiel aus Führung, Musik und Theater hat Einblicke in die Lebensgeschichten Geislinger Persönlichkeiten gegeben. Zweimal fand der Streifzug im Rahmen des "Sommers der Ver-Führungen" statt.

Geschichtsunterricht in etwas anderer Form, interessant, abwechslungsreich und vor allem äußerst kurzweilig, erlebten rund 90 Teilnehmer bei einer Führung durch Geislingens Altstadt, die die Stadtverwaltung und Touristik Geislingen zusammen mit der Schwäbischen Landpartie auf die Beine gestellt hatte. Wie bereits kurz berichtet, war der Zuspruch so groß, dass in drei Gruppen aufgeteilt wurde. Geführt wurden die Geschichtsinteressierten von Heide Rigl, Christel Mühlhäuser und Maria Stollmeier. Außerdem fand ein weiterer Termin statt.

Zu Beginn wurde man in das 13. Jahrhundert zurückversetzt: Graf Ulrich X. von Helfenstein heiratet die Herzogstochter Maria von Bosnien. "Das war keine Liebesheirat, sondern vielmehr Sach zu Sach", erklärte Gästeführerin Heide Rigl. "Die Helfensteiner litten immer unter Geldmangel, und Maria brachte eine umfangreiche Aussteuer mit in die Ehe, darunter 10 000 ungarische Gulden." Vor dem Museum im Alten Bau lernten die "Sommerverführten" Maria von Bosnien in einer Schauspielszene kennen, dargestellt von Akteuren der Theatergruppe des TV Altenstadt.

Vom 13. Jahrhundert folgte ein Zeitsprung ins 18. Jahrhundert, in die Ära von Christian Friedrich Daniel Schubart, der von 1763 bis 1769 Lehrer in Geislingen war. Schubart war zudem Journalist, Musiker und Denker und "ein Rebell, dem es in Geislingen eigentlich nicht gefallen hat", erklärte Heide Rigl. Aufmerksam lauschten die Teilnehmer den Erzählungen, dass Schubart auf dem Hohenasperg einsaß und dort Gedichte, unter anderem "Die Forelle", schrieb. Die wurde später von Franz Schubert vertont. Das bekannte Forellenquintett wie auch andere Musikstücke und Lieder brachten "Die Stadtratten" vor dem Schubarthaus als Bänkelsänger zu Gehör.

Als nächste Persönlichkeit wurde der rebellische Bäckermeister Lienhart Schöttlin vorgestellt. "Lieber Helfensteinisch als Ulmerisch", so die Worte des Freiheitskämpfers aus dem 16. Jahrhundert, der 1514 den Aufstand gegen die Ulmer Herrschaft anführte. Eindrucksvoll spielte die Theatergruppe "Obere Roggenmühle" bei der Gaststätte "Spitze" und damit vor dem einstigen Schöttlin-Haus eine Szene aus dem Theaterstück um "Lienhart Schöttlin".

Der Rundgang führte aus der Altstadt und zur "MAG" und damit zur Lebensgeschichte von Daniel Straub. "Straub hat Geislingen zur Industriestadt gemacht", erklärte Rigl. Der gelernte Müller war mit der Tochter des Kapellmüllers Katharina Öchsle verheiratet und damit einer der reichsten Bürger Geislingens. Der Industriepionier Straub war nicht nur am Bau der Geislinger Steige beteiligt, sondern gründete auch die MAG und die WMF und trug damit viel zur Entwicklung der Fünftälerstadt bei. Als Schauspieleinlage folgte ein hitziges Streitgespräch der Eheleute Daniel und Katharina Straub.

Bierbrauen hat in Geislingen eine lange Tradition. So war es nicht verwunderlich, dass ein Braumeister den Reigen der "Geislinger Köpfe" komplettierte. Bei einem Schluck frisch gezapften Biers erfuhren die Teilnehmer nicht nur etwas über Bräuche unter Bierbrauern, sondern auch, dass 1881, als Friedrich Kumpf die "Brauerei und Gastwirtschaft zum Deutschen Kaiser" gründete, die Stadt nur 3000 Einwohner zählte, aber 24 Gaststätten und 13 Brauereien hatte. Die Geislinger waren also nicht nur fleißige Kirch-, sondern auch fleißige Wirtshausgänger.


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Autor: BEATE SCHNABL | 09.09.2010

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