Beratung, Begegnung und Glaube

Geislingen.  Vor 100 Jahren wurde in Geislingen das "Blaue Kreuz" als Abstinenzverein gegründet. Bis heute steht die Suchthilfe vor allem für Alkoholiker und deren Angehörige im Mittelpunkt.

"Ohne Gott hätte ich es nicht geschafft", sagt Günter Eckert überzeugt. Damit meint er die Fähigkeit, seit 24 Jahren keinen Alkohol mehr zu trinken. Denn Günter Eckert war schwer alkoholabhängig, bevor er - nach langer Abwärtsspirale und einem Autounfall - seine Sucht akzeptierte und eine Therapie begann. Um danach trocken bleiben zu können, besuchte er die Begegnungsgruppe des "Blauen Kreuzes" und erfuhr Hilfe. Nicht nur gegen den Drang zu trinken, sondern auch für all die anderen Alltagsprobleme, die für einen Alkoholiker so schwer zu bewältigen sind.

Der langjährige Vorsitzende und heutige Ehrenvorsitzende des Geislinger "Blauen Kreuzes" ist dankbar für die Gespräche und den lebhaften Austausch in der Selbsthilfegruppe. Aber auch für den christlichen Glauben, der ihm einen Lebenssinn gibt, den er lange suchte. Und der in diesem Kreis einen festen Platz hat. Wobei weder Glaube noch Konfession Voraussetzung sind, um hier dazuzugehören, wie er und seine Mitstreiter betonen. Die Mitarbeiter der wöchentlichen Begegnungsgruppe sind alle selbst Betroffene, die es geschafft haben, ihre Alkoholkrankheit zu besiegen. Sie sind durchweg vom Landesverband des Blauen Kreuzes geschult für die unterschiedlichen Themen, die sich in den Selbsthilfegruppen ergeben können. Wichtig ist den Blau-Kreuz-Mitarbeitern, dass die Angehörigen in die Gespräche miteinbezogen werden. Denn diese, das weiß Hilde Eckert, die Frau von Günter, aus eigener Erfahrung, haben als sogenannte Co-Abhängige Hilfe dringend nötig. Oft sind sie es, die den ersten Schritt in eine Gruppe wagen.

Heidi, eine weitere Mitarbeiterin, betont sogar, wie schön es sei zu sehen, wenn sich Paare nach langen Jahren der Distanziertheit wieder näher kämen. Die Angehörigen haben außerhalb der gemeinsamen Gesprächsrunde einmal im Monat die Möglichkeit, eine eigene Gruppe zu besuchen.

Die erste Ansprechpartnerin im Blauen Kreuz Geislingen jedoch ist Renata Eckhoff, die als ausgebildete Sozialtherapeutin die Suchtkranken berät, ihnen Therapieplätze vermittelt und wichtige Einzel- und Paargespräche führt. Sie kennt auch die Not, die mit dieser Krankheit verbunden ist, sowie die Statistiken, die belegen, dass nur 40 Prozent der langjährigen Teilnehmer an Selbsthilfegruppen rückfällig werden im Gegensatz zu 80 Prozent derjenigen, die diesen lebenslangen Weg der Abstinenz alleine gehen wollen.

Jetzt freuen sich Renata Eckhoff sowie alle Mitarbeiter und Besucher des Blauen Kreuzes über das anstehende Jubiläum: Seit 100 Jahren gibt es die Geislinger Einrichtung bereits. Seit fast 80 Jahren befindet sie sich in der Mühlstraße 6. Gleich bei der Gründung entschlossen sich die Mitglieder zur Alkoholabstinenz. Lange Jahre übernahmen Diakonissen aus dem Mutterhaus "Hensoltshöhe" bei Gunzenhausen die konkrete Arbeit mit Suchtkranken und Hilfe in deren Familien. Von anfänglicher Aufklärungsarbeit mit vielen Vorträgen verlagerte sich der Schwerpunkt dadurch auf Einzelbetreuung. Das ging sogar so weit, dass die Schwestern die Alkoholiker an den Fabriktoren abholten, damit sie nicht ihren Wochenlohn vertranken. Oder sie gingen in die Wirtshäuser, um die betrunkenen Familienväter dazu zu bewegen, nach Hause zu gehen.

Bis heute führt der Verein ein reges Vereinsleben, zu dem auch eine christliche "Frauenstunde" gehört. Unter den regelmäßigen Besuchern der Begegnungsgruppe ist eine Verbundenheit entstanden, sodass man sich immer wieder auch zur Freizeitgestaltung wie zum Grillen, Wandern oder Eis essen trifft.

Das 100-Jahr-Jubiläum wird ebenfalls gemeinsam mit all denen gefeiert, die sich mit dem "Blauen Kreuz" verbunden fühlen: am kommenden Sonntag, dem 20. Juni, um 14 Uhr mit einem Festgottesdienst in der Pauluskirche und der anschließenden Feier im Gemeindesaal.

Info

Beratungstelefon Renata Eckhoff:

Telefon: (07331) 96 03 25


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Autor: CLAUDIA BURST | 16.06.2010

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