(G)EISLINGEN

Geislingen/ Eislingen.  Eislingen ist im Kreis Göppingen die Dritte im Bunde, seit Jahresbeginn ist sie "Große Kreisstadt". Geislingen ist das seit 1956. Was verbindet beide Städte? Was unterscheidet sie? Mehr als ein Buchstabe.

Die Großen Kreisstädte Geislingen und Eislingen eint ihre geschichtliche Herkunft: Beide entstanden aus zwei einst selbstständigen Orten. An dieser Hypothek tragen sie bis heute. Allerdings in unterschiedlicher Ausprägung.

100 Jahre ist es her, dass Altenstadt nach Geislingen eingemeindet wurde. Doch noch heute besitzt die Stadt zwei innerstädtische Zentren - rund um den Sternplatz eher großflächige moderne Ladengeschäfte, in der Fußgängerzone der historischen Altstadt eher kleine Einzelhandelsgeschäfte und Gastronomie. Das Grenzflüsschen zwischen Altenstadt und Geislingen, die Rohrach, ist keine geografische Hürde (allenfalls eine mentale). Auch die Fils ist kein Hindernis, ebenso wenig die an Geislingens Peripherie verlaufende Bahnlinie. Die Verkehrsader B 10 allerdings mit ihrem enormen Verkehr belastet die Innenstadt schwer.

Eislingen ist aus dem katholisch geprägten Großeislingen rechts der Fils und dem evangelischen Kleineislingen links der Fils entstanden. Der Zusammenschluss fand im September 1933 statt. Die tief eingeschnittene Fils, gleich daneben die breite Bahnlinie, reißen bis heute Eislingens Innenstadt auseinander. Die "Nordverbindung" und wiederum die B 10 sorgten lange Jahre für weitere Handicaps für die Stadtentwicklung.

Die Zeiten eines dynamischen Bevölkerungswachstums im schon früh industriell geprägten Geislingen sind längst vorbei (siehe Tabelle). Die Bevölkerungsstruktur ist noch geprägt von den Arbeitern im produzierenden Gewerbe und einem relativ hohen Ausländeranteil. Doch das gilt auch für Eislingen. Diese Stadt hat aber hinsichtlich der Einwohnerzahl stark aufgeholt. Eislingen auf der Überholspur?

Geislingen, die alte Oberamtsstadt, hat immerhin Pfunde, mit denen sie gegenüber Eislingen wuchern kann: Geislingen hat dank seiner eingemeindeten Stadtbezirke auf der Alb (Stötten, Waldhausen, Weiler, Türkheim und Aufhausen - im Tal noch Eybach) flächenmäßig die größte Gemarkung aller Städte im Kreis Göppingen. Einziger Eislinger Stadtbezirk ist Krummwälden. Die Fünftälerstadt ist Mittelzentrum, sie hat ein Hinterland, das traditionell auf Geislingen als Zentrum ausgerichtet ist - auf die Einkaufsstadt, die Schulstadt und den Arbeitsort. Geislingen besitzt eine attraktive historische Altstadt - nicht umsonst oft "gute Stube" genannt.

Eislingen dagegen befindet sich seit jeher stark im Sog des nahen übermächtigen Göppingen. Die historisch wertvollen Gebäude kann man an den Fingern einer Hand abzählen. Eislingen unternimmt derzeit riesige Anstrengungen, damit überhaupt erst eine richtige Stadtmitte mit urbaner Aufenthaltsqualität für die Einwohner und einem zentralen Platz entsteht. Um ein neues Rathaus herum und unter Einbeziehung des Stadtschlosses (Stadtbücherei) soll das gelingen.

Derzeit wird das Schloss noch vergewaltigt von einer brachialen Überführung in unmittelbarer Nähe. Dieser autogerechte Viadukt sollte eigentlich die Trennung von Eislingen Nord und Süd im Wortsinn überbrücken. Doch hat er die Teilung eher zementiert. Mittelfristig, so ist angedacht, könnte die Brücke wieder abgerissen werden.

Neue Möglichkeiten eröffnet Eislingen seit 2006 die Umgehungsstraße. Durch sie ließ der Durchgangsverkehr auf der alten B 10 erheblich nach - die Ortsdurchfahrt wird und wurde zurückgebaut und gestaltet, die Anwohner erfahren wieder, was Lebensqualität ist. Davon kann Geislingen nur träumen.

In Eislingen also eine "neue Mitte" mit Rathaus. Nel Mezzo, "in der Mitte", heißt in Geislingen hingegen die neue Einkaufsgalerie auf dem Städtischen Sportplatz, erbaut auf der Schnittstelle zwischen Oberer Stadt und Altenstadt. Die viel zitierte Perlenkette ist das langfristige Konzept, das Oberbürgermeister Wolfgang Amann verfolgt. Es macht quasi aus der Zweiteilung der Einkaufsstadt eine Tugend: indem zwischen Sternplatz und Fußgängerzone weitere attraktive Zentren und Kristallisationspunkte als Verbindungsglieder entwickelt werden sollen. Nach dem Nel Mezzo soll die Bahnhofstraße abwärts bis zum Sternplatz einladender gestaltet werden. Weiter oben sollen vor allem die Fabrikverkäufe der WMF mit ihrem großen Entwicklungspotenzial ein immer größerer Magnet für auswärtige Besucher werden.

Geislingen leistet sich einige wenige Doppelstrukturen: zwei allgemeinbildende Gymnasien und zwei Realschulen (in Eislingen je eine Schule dieses Typs); ein Sportzentrum rund ums TVA-Gelände und Michelberghalle einerseits, andererseits im Eybacher Tal (in Eislingen ähnlich). Andererseits sind Geislingens Finanzen seit jeher klamm (siehe Tabelle zur Finanzkraft); eine Folge: Mehrere Stadtquartiere, Schulgebäude und Straßen sind in desolatem Zustand.

Vielen Konsolidierungs- und Einsparrunden sind in Geislingen etliche Dinge zum Opfer gefallen, die Eislingen gerade neu einführt: Vor Jahren schon strich Geislingen die städtische Theatermiete, in dessen Rahmen Tourneebühnen in der Jahnhalle, der veralteten Stadthalle, gastierten. Die Stadt veranstaltet damit keine einzige Kulturveranstaltung mehr - das müssen Vereine übernehmen. Mit der Eröffnung der neu erbauten Stadthalle hat Eislingen, das sich ohnehin schon mit teuren Kunstwerken auf Kreisverkehren als Kreiselstadt profiliert hat, ein ansehnliches Kulturprogramm auf die Beine gestellt, das die Stadt organisiert, wofür es Mieten gibt - und dessen Defizit die Stadt trägt.

Geislingen hat vor Jahren den Bürgermeister (zuständig für Finanzen) und den Beigeordneten (Stadtentwicklung, technische Ämter) abgeschafft. Unterhalb von Oberbürgermeister Wolfgang Amann gibt es nur noch fünf Fachbereichsleiter (drei in A14 eingestuft). Die kleine Große Kreisstadt Eislingen leistet sich nun personellen Luxus und installiert neben (Ober-)Bürgermeister Klaus Heininger einen Bürgermeister (A16) und einen Beigeordneten (A15).

Viele Unterschiede, vor allem viele Übereinstimmungen - und im letzten Punkt eine frappierend gegenläufige Entwicklung.


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Autor: RODERICH SCHMAUZ | 24.01.2012

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