Expeditionen in die Tiefe

Mitglieder der "Arge Blaukarst" haben die Hessenhauhöhle bei Berghülen auf einer Länge von 5460 Metern erforscht. Und sind noch lange nicht am Ende. 385 Zuschauer sahen am Samstag deren Vortrag in Berghülen.

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Die faszinierende Welt unter der Alb bei Berghülen: riesige Gänge und ein Höhlenfluss in der Hessenhauhöhle. Trotzdem ist auch hier tief unter der Erdoberfläche das Wasser mit Fäkalienkeimen belastet.  Foto: 

Der Höhlenverein "Arbeitsgemeinschaft Blaukarst" hat sich einen "Karstwanderweg" ausgedacht rund um das 160 Quadratkilometer große Wassereinzugsgebiet des Blautopfs. Dafür werden keine Wege gebaut und auch keine Schilder in der Natur angebracht, die Daten können aber bald von der Homepage des Vereins (www.blauhoehle.de) heruntergeladen werden.

Die Route führt zu vielen Erdfällen, sogenannten Dolinen. Rund 2000 dieser meist trichterförmig aussehenden Karsterscheinungen gab es einst in diesem Gebiet. Heute sind noch 590 bekannt, von denen wiederum die Hälfte aufgefüllt wurde. Offen blieb die Hessenhau-Doline im Waldstück "Buch" südlich von Berghülen. Dort nahm der Höhlenforscher Dr. Jürgen Bohnert im Jahr 2005 einen starken Luftzug aus der Tiefe wahr. Im Januar 2006 startete er zusammen mit Kollegen eine Grabung, die nach fünf Jahren zum Erfolg führte: Die Forscher stießen 135 Meter unter der Erde auf ein Gewässer. "Wir sind in hysterische Ekstase verfallen, als wir den Fluss sahen", erzählte Jürgen Bohnert, Vorsitzender des Vereins "Arge Blaukarst" am Samstagabend in der mit 385 Besuchern voll besetzen Auhalle in Berghülen.

Zehn Jahre nach Beginn der Grabung berichteten Bohnert und die Vereinsmitglieder Norbert Neuser und Markus Bölzle mit Fotos und Videos nun von einer Höhle, die seit der Überschreitung der Fünf-Kilometer-Marke im vergangenen Jahr zur Kategorie "Riesenhöhle" zählt, riesige Tropfsteine ebenso aufweist wie bizarre Kristallformen und das bislang in Höhlen nur selten nachgewiesene Mineral Aragonit. An Leitern und Seilen, mit Tauchausrüstung und anderen Geräten im Gepäck, machen sich die Forscher immer wieder auf den Weg in die Tiefe, um unberührte Natur, "die weißen Flecken" der Unterwelt zu erforschen, wie Bohnert sagte.

Die Hessenhauhöhle zieht vom Einstiegsschacht flussabwärts nach Süden in Richtung Blautopf. Zu den bekannten Gängen des zwölf Kilometer langen Blauhöhlensystems fehlen noch 850 Meter. In Richtung Süden müsse "jeder Meter erkämpft" werden, sagte Bohnert. Er und seine Kameraden durchtauchen Siphone, in denen das Wasser durch aufgewirbeltes Sediment schnell trübe wird. Zwei Spezialisten von der britischen "Cave-Diving-Group" kamen den Schwaben zur Hilfe, einer durchtauchte den 135 Meter langen "Siphon 6". 200 Meter weiter wird der Gang von herabgestürztem Gestein blockiert. Jetzt suchen die Forscher, die manchmal auch in der Höhle im Biwak übernachten, zwischen den Blöcken eine Fortsetzung.

Etwas leichter geht es flussaufwärts in Richtung Norden, doch auch dort sind Kletter- und Tauchkünste gefragt, wie Markus Bölzle mit einem Film deutlich machte. Die Höhle teilt sich. Ein trockener Gang zieht Richtung Laichingen. Das aktuelle Forschungsende dort liegt rund einen Kilometer vor dem Ortsschild Berghülen, wie auf einer Landkarte gezeigt wurde. Die Mitglieder nennen diesen Gang "Laichingen Direttissima". Ob er direkt nach Laichingen zieht, ist aber fraglich, denn der Höhlenfluss kommt aus einem anderen Gang, der in Richtung Osten abzweigt. Vielleicht eine Umgehung, meint Bohnert.

Mit Färbeversuchen nachgewiesen wurde, dass Wasser aus Laichingen in der Hessenhauhöhle ankommt. Dieses ist meist nicht ganz frisch, von unberührter Natur kann dabei nicht die Rede sein. Zeitweilig ist das Wasser mit Nährstoffeinträgen und Bakterien, die von Fäkalien stammen, stark belastet. "Das haben wir schon am eigenen Leib erfahren", sagte der als Arzt tätige Jürgen Bohnert. Wie mit Messungen nachgewiesen wurde, hat sich die Situation seit einem Jahr verbessert, schilderte Bohnert, ohne auf die möglichen Gründe einzugehen. Bekanntlich wurde die Laichinger Kläranlage nachgerüstet.

Höhlenforschung dient der Wissenschaft. Sie ist aber auch ein Abenteuer. Fast alle Berge der Welt sind bezwungen, Arktis und Antarktis sind erforscht. Der Entdecker von heute gehe in die Tiefsee oder in Höhlen, sagte Bohnert, der vom "goldenen Zeitalter der Entdeckungen im Karst der Alb" sprach. Doch jede Tour sei sorgfältig vorbereitet und auch Szenarien einer Rettung seien überlegt worden, schilderte der Forscher im Hinblick auf den spektakulären Höhlenunfall des Johann Westhauser im Untersberg bei Berchtesgaden. "Ein Restrisiko bleibt", sagte Bohnert. Ziel sei, dieses zu minimieren.

Tagung in Heroldstatt

Vorträge Der Höhlenverein Sontheim richtet vom 22. bis 24. April in Heroldstatt die alle zwei Jahre stattfindende Höhlenforschertagung "Speläo Südwest"aus. Zum Programm gehören Fachvorträge, unter anderem über die ICE-Neubaustrecke Wendlingen-Ulm, die Hessenhauhöhle und das Blauhöhlensystem. Ein öffentlicher Vortrag am 23. April, 20 Uhr, in der Halle dreht sich um die Geschichte der Sontheimer Höhle. Auch Exkursionen in Höhlen sind geplant (Infos unter www.ssw2016.de).

SWP

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