Mit 91 Jahren in der Wohngemeinschaft

In Krummwälden wohnen Senioren in einer Wohngemeinschaft zusammen. Heute ist die offizielle Einweihung der Anlage an der Krumm, wo gerade das drittes Gebäude entsteht.

|
Anita Barz kümmert sich um die Esel der Seniorenwohngemeinschaft. Die 91-Jährige gehört zu den Mitbegründern der Einrichtung und hat auch Geld in deren Aufbau gesteckt.  Foto: 

Gläser mit selbst eingekochter Marmelade türmen sich im Vorratskeller, in der Küche duftet es nach Kaffee, drei ältere Damen basteln. Wer immer noch Langeweile hat, kümmert sich um den Garten oder läuft den Weg entlang zu den Eseln, die freuen sich immer über alte Brötchen oder hart gewordene Brezeln. In der Senioren-Wohngemeinschaft „Katzenfreunde“ in Krummwälden ist immer etwas los, auch wenn an diesem Morgen keine einzige Katze weit und breit zu sehen ist. Für Elke Kaiser-Reher, die die Idee zur WG hatte und sich um alles kümmert, ist es wichtig, die alten Herrschaften zu beschäftigen. „Wir wollen sie mitnehmen, etwas mit ihnen anfangen.“ Die erste WG ist schon komplett bezogen, die Wohnräume der zweiten fast fertig, am heutigen Samstag ist die offizielle Einweihung bei der „Senioren-Mutter“, so heißt die Träger-Firma von Kaiser-Reher.

Aber von vorne. Denn am Anfang war die Schwiegermutter. Die wollte im Alter auf keinen Fall ins Altenheim, also baute Elke Kaiser-Reher in Krummwälden ein Mehrgenerationen-Haus für ihre Familie. Bevor das richtig fertig war, starb die Schwiegermama, „das Haus stand leer“.

Bis Anita Barz kam. Barz ist eine gute Freundin der Verstorbenen, war damals auch schon über 80 und hatte keine Lust auf ein Zimmer im Altenheim. 2010 packte sie ihre Sachen im heimischen Bietigheim und zog in das Mehrgenerationenhaus. Sie investierte in Kaiser-Rehers neuem WG-Projekt und sicherte sich lebenslanges Wohnrecht in der Anlage an der Krumm. Kurz darauf stieg auch Anna Weber ein. Ihr gehörte ein Hof in der Nähe des Mehrgenerationenhauses und sie wandte sich an Kaiser-Reher, denn auch sie wollte nicht in ein normales Altersheim. Nach der Besichtigung des Hofes mit einem Architekten war allen schnell klar: „Wir bauen neu.“ Weber brachte Hof und Grundstück ein, Baubeginn des ersten WG-Hauses war 2012.

Mitbegründerin Barz ist jetzt 91 Jahre alt und sitzt gut gelaunt in der Küche ihrer Wohngemeinschaft. Besonders gut hört sie nicht mehr, freut sich aber über die Gesellschaft in der Küche. Zwei andere Bewohnerinnen basteln mit einer Betreuerin am Tisch, im Wohnzimmer wartet ein Bügelbrett auf eine 90-Jährige. „Die leidet an Demenz, aber das Bügeln geht immer“, sagt Kaiser-Reher und ist wieder bei ihrem Thema, der Beschäftigung. In der großen Küche im Erdgeschoss kann für bis zu 20 Personen gekocht werden. „Kartoffelschälen, Nudelteig schneiden, Brot backen. Wer kann, der hilft.“

Interessenten stellen sich vor

Bei Männern ist die Beschäftigungsfindung etwas schwieriger, ältere Herren animiert selbst die wortgewaltige Kaiser-Reher nicht zum Kartoffelschälen. „Garten, Scheune, Feld und Wiese, das ist eher etwas für die Herren.“ Wichtig ist, dass sie Menschen zusammenpassen. Wie in einer Studenten-WG auch stellen sich Interessenten den Bewohnern der Senioren-WG vor, und die heben oder senken dann den Daumen.

Die Menschen wohnen gerne in der WG, auch manche Angestellten sind schon lange dabei. Renate Matscheko ist 77, im Haus aber immer noch als Haushälterin unterwegs. Kaiser-Reher hatte „unser Krönchen“ ursprünglich für das Mehrgenerationenhaus eingestellt. Matscheko trägt zum persönlichen Stil der WG bei, der Personalschlüssel sei doppelt so hoch wie in anderen Einrichtungen, sagt Kaiser-Reher. „So individuell auf die Menschen einzugehen, das klappt nur im kleinen Stil. Mit 80 Leuten funktioniert so etwas nicht“, ist sie überzeugt.

Kosten Rund 1,8 Millionen Euro wurden in der Anlage an der Krumm, gleich hinter Kirche und Feuerwehrhaus, investiert. Das Geld kommt von den Gründungsmitgliedern Barz und Weber, Investoren und der Bank.

Bewohner In den bisher fertiggestellten beiden Häusern wohnen 8 Personen, das dritte Haus für weitere 8 Bewohner steht kurz vor der Fertigstellung.

Trägerschaft Elke Kaiser-Reher will die Trägerschaft der Häuser in eine Stiftung umwandeln. Auch ein Verein, der sich um das Projekt kümmert, wird gerade gegründet. Die Anlage ist fast ausgebucht, Kaiser-Reher sucht aber Mitarbeiter für alle Bereiche.

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Prozess: IS-Sympathisant will Kalaschnikow kaufen

24-Jähriger will Sturmgewehr im Darknet kaufen und gerät an einen BKA-Beamten. Er hat Sympathien für Reichsbürger, den IS und die Black Jackets. weiter lesen