"Der nackte Wahnsinn": Theater in Amstetten

Vor ausverkauftem Haus hat das Ensemble des Theaters Arche in Amstetten das Stück "Der nackte Wahnsinn" gespielt. Die Darstellung eines kafkaesken Chaos in der Künstlerwelt war pures Vergnügen.

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Das Ensemble vom Theater Arche stellt hohe Ansprüche: Bei der Stückeauswahl (kein Bauerntheater) ebenso wie bei der Darstellung. Der Verein brachte Komödien deutscher Klassiker ebenso auf die Bühne wie den gesellschaftskritischen Dramatiker Artur Miller. Mit der Premiere von "Der nackte Wahnsinn" des englischen Autors Michael Frayn haben die Arche-Schauspieler und Regisseurin Andrea Friedrich ein geniales Stück kongenial auf die Bühne gebracht.

Bestechend glaubwürdig und zum Schreien komisch ist die wahnwitzig rasante Handlung umgesetzt: Treppe rauf und runter, Schauspieler auf die Bühne, auf und ab, Sardinen und Tasche da oder weg, Kontaktlinse suchen, dramatischer Sturz. Zeit zum Atmen bleibt da kaum, weder den Zuschauern bei diesem höchst vergnüglichen Spiel, noch den Schauspielern beim temporeichen Agieren. Und dass die Akteure zwischen Tür auf, Tür zu und Hetzjagd auf der Bühne nach Whiskyflaschen und eifersüchtigen Widersachern zudem noch problemlos ihre Rollenwechsel innerhalb des Stücks auf die Reihe kriegen, grenzt, bei Laienspielern, schon an ein kleines Wunder. Und doch meistern Uli Fetzer, Karin Kiehlneker, Tobias Bittmann, Margit Vagaday und Manuela Weber ihre Hauptrollen fast profihaft. Auch Nico Schmelzle, Michael Scheel und Jenny Bittmann werten mit klasse Darstellungen das Bühnengeschehen auf.

Die kafkaeske Komödie reizt schon allein von ihrer Story heraus permanent die Lachmuskeln. Der Plot spielt eine untergeordnete Rolle, das Stück lebt hauptsächlich vom Aktionismus und den Dialogen. Und für das Publikum spielen sich zeitgleich zwei Dramen auf der Bühne ab: ein von der Handlung nicht ganz durchsichtiges Schauspiel, das ein Ensemble gerade einstudiert, und parallel dazu das allzu menschliche Geschehen innerhalb dieser Gruppe.

Geradezu brillant und mit ultimativem Spaßfaktor hat der Autor ein Spottbild auf die Künstlerwelt mit exaltierten Schauspielern sowie abgehobenen Regisseuren gezeichnet und das nahezu artistisch verwoben mit menschlichen Verwicklungen, die sich hinter den Kulissen abspielen. Auf die Spitze getrieben wird das insbesondere im zweiten Akt, wo das Arche-Publikum nach einer aktionsreichen Umbauarbeit in der Pause - einen Vorhang gibt es nicht im Arche Theater - das Bühnenbild von seiner rückwärtigen Seite vor Augen hat. Hier liefen die Amstetter Protagonisten zu Höchstform auf: Derweil sich vor den Zuschauerblicken wahre Eifersuchtsdramen abspielen, stets bei der Falschen landende Blumensträuße die Besitzer wechseln und der Alkoholiker des im Stück gespielten Ensembles vor der Whiskyflasche gerettet werden muss, spielen sich auf der vom Publikum unsichtbaren abgewandten Bühnenvorderseite dieselben Szenen ab, wie im ersten Akt. Regisseur Lloyd Dallas (Nico Schmelzle) hetzt im Bemühen, in all dem Chaos, zu dem er freilich selber beiträgt, seine abtrünnige Geliebte und Hauptdarstellerin zu ihren Auftritten zu bewegen, über die Bühne, Freddys (Uli Fetzer) Versuche, mit Fäusten und Äxten seinen Widersacher Gary (Tobias Bittmann) auszuschalten, scheitern kläglich an den beherzten Reaktionen seiner Schauspielkollegen, Belinda (Margit Vagaday) bringt mitleidlos jeden Tratsch in Umlauf, und Dotty (Manuela Weber) wird auf der Suche nach ihren in Öl eingelegten Sardinen zur Furie. Und über all dem schwebt die überkandidelte Brooke (Karin Kiehlneker) und sucht mal wieder verzweifelt ihre Kontaktlinsen.

Eine großartige Leistung von Regisseurin Andrea Friedrich und ihrem Team. Die Darstellung mit ausgefeilter Körpersprache und Mimik sowie der verinnerlichten Dialogregie entstammt einer großen Leidenschaft für das Schauspiel und kann sich durchaus messen mit Profiaufführungen. Einzig die nicht immer deutliche Artikulation zeugte davon, dass hier Laien am Werk sind. Bei der aktionsreichen Geschichte beeinträchtigte das das Vergnügen in keiner Weise - die Zuschauer feierten das Ensemble mit jubelndem Beifall.

Info Weitere Aufführungen im Arche-Theater Amstetten: 28./30. November sowie am 30. Januar. Vorverkauf in der Lonetal Apotheke, Amstetten und Bäckerei Friess, Lonsee sowie Kartenreservierung über die Internetseite www.theater-arche.de. 

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