Das Prinzip Druck: 17. Saisonsieg für Ulmer Basketballer
Ulm. Mit dem 17. Saisonsieg im Rücken können die Ulmer Bundesliga-Basketballer mit viel Selbstbewusstsein in diese Arbeitswoche gehen: erst das Pokalviertelfinale gegen Oldenburg, dann der Hit gegen Bamberg.
Das Basketball-Magazin "Big" hat in der Februar-Ausgabe die Partie der Ulmer Bundesliga-Basketballer in Gießen als "Spiel des Monats" ausgeguckt, die beiden Anfangsformationen verglichen und bewertet sowie eine Prognose gewagt. "Ulm zieht in der zweiten Halbzeit davon", lautete das Fazit.
Auf den ersten Blick eine prima Vorhersage von echten Fachleuten, auf den zweiten eine Aussage mit nur geringem Überraschungsmoment. Denn langsam ist die Mannschaft von Trainer Thorsten Leibenath mit ihrem "Killerinstinkt", der ab einem bestimmten Moment eine fatale Wirkung entfaltet, zum Schrecken der Liga geworden. Das Ergebnis: Tabellenzweiter.
Das Prinzip, das dahintersteckt und das von den Ratiopharm-Korbjägern beim 76:70-Erfolg bei den Hessen zum wiederholten Male in Perfektion aufgeführt wurde, beschreibt der Trainer so: "Wir wissen, dass wir in der Liga nicht übermächtig sind und im Regelfall ein Spiel nicht von der ersten Minute an dominieren. Wir schaffen es aber häufig, kontinuierlich Druck auf den Gegner auszuüben. Und irgendwann ist der Zeitpunkt gekommen, da zerbricht er."
In Gießen suchten sich die Ratiopharm-Korbjäger die Schlussphase des dritten Viertels aus, um zum entscheidenden Schlag anzusetzen und den Gegner schwer ins Taumeln zu bringen, wovon der sich auch tatsächlich nicht mehr erholte. Zwei Minuten und 37 Sekunden sind noch zu spielen, da führen die Ulmer 46:44. Dann folgt die Initialzündung durch Tommy Mason-Griffin mit einem Assist, einem Ballgewinn und fünf Punkten - und schon liegen die Gäste in einer bis dahin einigermaßen ausgeglichenen Partie mit 53:44 vorne. Isaiah Swann und Sebastian Betz steuern noch jeweils zwei Punkte bei, für Gießen trifft Pilcevic aus der Distanz, Ulm geht mit 57:47 in die letzte Pause und startet in die letzten zehn Minuten mit fünf Punkten in Folge und einem Block von Keaton Nankivil - der 17. Saisonsieg ist quasi unter Dach und Fach.
Dabei hatte zunächst der quirlige Mason-Griffin die Lunte gezündet, dann übernahm Per Günther den Job als kontrollierender "Brandmeister" und brachte, wie von Leibenath gewünscht, wieder mehr Ruhe aufs Parkett. Was der Trainer in einer solchen Phase dennoch nicht will, ist schlichte Ergebnis-Verwaltung. "Wir dürfen nicht spielen, um nicht zu verlieren", predigt der Coach immer wieder. In Gießen hat zumindest das nicht so ganz funktioniert. Die Ulmer zeigten bei einigen Offensivaktionen nicht die letzte Konsequenz, verballerten den einen oder anderen Freiwurf, ohne jedoch wirklich noch in Gefahr zu geraten, auch wenn der Vorsprung immer mehr schmolz.
Während Gießen-Coach Björn Harmsen auf seine Mannschaft schimpfte und ihr fehlenden Kampfes- und Einsatzwillen ankreidete (wobei es letztendlich eher mangelnde Qualität war), freute sich Leibenath: "Das war ein extrem wichtiger Sieg, weil wir uns weiter vorne etablieren wollen." Dann zog der 36-Jährige nach dem Auftritt an seiner ehemaligen Wirkungsstätte eine durchweg positive Bilanz. Eine ganz persönliche, denn es war beim dritten Auftritt in Gießen als Gästetrainer sein erster Sieg. Wichtiger waren jedoch die gesammelten team-Erkenntnisse vor einer Woche, die es mit dem Pokalviertelfinale gegen Oldenburg (Mittwoch/20 Uhr) und mit dem Spitzenspiel am Samstag gegen Tabellenführer Bamberg (20.05/live Sport 1/ jeweils in der Ratiopharm-Arena) in sich hat. "Wir können auch mit einer kleinen Aufstellung gegen körperlich überlegene Mannschaft bestehen", freute sich Leibenath.
Eine nicht unwichtige Erfahrung, denn der Einsatz von Dane Watts, dem Ulmer mit der meisten Einsatzzeit, ist weiter nicht sicher. Der Amerikaner ist bei einem Sprung im Training auf Keaton Nankivils Fuß gelandet und hat sich am Sprunggelenk verletzt. Bänder sind nicht gerissen, das habe, wie Leibenath bestätigte, eine Magnetresonanztomographie (MRT) gezeigt. Watts selbst geht davon aus, am Mittwoch wieder spielen zu können, Manager Thomas Stoll möchte sich da nicht als "Wahrsager" betätigen: "Wir müssen von Tag zu Tag schauen." Für Watts spielte Kapitän Steven Esterkamp zusammen mit dem in der ersten Halbzeit überragenden Center John Bryant (15 Punkte) auf der Position des Power Forward, Rocky Trice als Small Forward. Zwei "Notlösungen", mit denen Leibenath in Gießen sehr gut leben konnte, für die nächsten beiden Partien aber nicht unbedingt leben möchte, denn Watts hat bei der Reboundarbeit definitiv gefehlt.
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Autor: THOMAS GOTTHARDT | 06.02.2012
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