Priester selig gesprochen: Der Engel von Dachau

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Als Engelmar Unzeitig
30 Jahre alt war, begann seine größte Mission. Nicht, wie er sich das gewünscht hatte, als Missionar in Afrika. Und auch nicht in Österreich, wo er als Prediger und Religionslehrer seit geraumer Zeit dem Antisemitismus der Nazis die Stirn bot. Nein, Unzeitigs größte Mission begann im Konzentrationslager Dachau. Und sie endete vier Jahre später mit seinem Tod.

Heute sind dort, auf dem Gelände des KZ, nur noch die nachgebauten Fundamente der einstigen Baracken zu sehen. Das Areal, wo die Häftlinge wohnen mussten, gleicht jetzt einer grauen Wüste aus Kieselschotter. Ziemlich weit hinten auf der linken Seite standen die Baracken 26, 28 und 30. Es war der „Priesterblock“, wie die SS-Wächter die Behausungen bezeichneten. Auf der anderen Seite der Lagerstraße, vielleicht 50 Meter entfernt, waren die Nummern 19 und 21 – die Krankenstation.

Ende 1944 bis März 1945 grassierte in Dachau eine Fleckfieber-Epidemie. Andrea Riedle, wissenschaftliche Leiterin der KZ-Gedenkstätte, listet die Zahlen auf: „Im Oktober 1944 gab es 403 Fleckfieber-Tote, im November schon 907.“ Einen Monat später waren es doppelt so viele, von Januar bis März lagen die Todesfälle bei 2903, 3991 und 3534.

Die Krankheit, auch als Flecktyphus bezeichnet, wird bei schlechten hygienischen Bedingungen von Läusen, Milben und Flöhen übertragen. Infizierte bekommen hohes Fieber, das Bewusstsein trübt sich, auf der Haut bilden sich rote Flecken. Im KZ Dachau kurz vor Ende des Krieges endete eine Fleckfieberinfektion in aller Regel mit dem Tod.

Schon der Vater starb an Flecktyphus

Das wusste auch Engelmar Unzeitig. Der inhaftierte Geistliche, der dem Orden der Mariannhiller Missionare angehörte, lebte im Priesterblock. In den letzten Monaten bis zur Befreiung des Konzentrationslagers pflegte er freiwillig die Erkrankten in den  Typhus-Baracken, die 100 Meter lang und zehn Meter breit waren. „Es waren unvorstellbar grausame Zustände“, sagt Andrea Riedle. In dreistöckigen Betten waren die Kranken zusammengepfercht. Ihre Exkremente verteilten sich in den Zimmern, sie waren zu schwach, um aufzustehen.

Engelmar Unzeitig wird als „Engel von Dachau“ bezeichnet. Über sich und seinen Werdegang schrieb er: „Ich fühlte mich gedrängt, in Christi Dienst zu treten zur Rettung der Menschenseelen.“ Vor kurzem wurde er im Kiliansdom in Würzburg seliggesprochen. Papst Franziskus hatte ihn bereits im Januar dieses Jahres zum Märtyrer ernannt.

Am 1. März 1911 wurde er als Hubertus Unzeitig im sudetendeutschen Greifendorf geboren, die Familie zog bald weiter in die Tschechoslowakei. Der Vater starb im Ersten Weltkrieg – an Flecktyphus. Die Mutter musste Hubertus und die fünf Schwestern auf dem kleinen Bauernhof durchbringen. Dort arbeitete er viel mit, auch war er Knecht bei einem tschechischen Bauern.

Doch er wollte Priester werden – und vor allem Missionar. Sein Ziel sei es, so schrieb er, das Leben „der Bekehrung der Heiden zu widmen“. Unzeitig setzte sich gegen die Mutter durch, die ihn am Hof halten wollte. Als „Spätberufener“ 1928 bei den Mariannhiller Missionaren attestierte ihm sein Seminarleiter noch, er sei „etwas ängstlich“. In Würzburg studierte er Theologie und wurde im August 1939 zum Priester geweiht, nur drei Wochen vor Beginn des Zweiten Weltkriegs. Wegen der politischen Lage konnte Unzeitig nicht Missionar in Afrika werden, der Orden schickte ihn nach Linz in eines seiner Zentren.

Auf Fotos ist Unzeitig als junger, ernst blickender Mann abgebildet. Er trägt eine runde Brille, den Priestertalar, das Haar ist akurat frisiert. Wegen „tückischer Äußerungen und Verteidigung der Juden“ wurde er am 21. April 1941 von der Gestapo verhaftet, am 3. Juni kam er in Dachau an. Für die KZ-Tyrannen war er nur noch eine Gefangenennummer: 26147.

Neue Gefangene wurden in Dachau von den so genannten Blockältesten in Empfang genommen. Andreas Rohring, ein heutiger Mönch des Mariannhill-Ordens, zitiert die Begrüßungsworte eines Blockältesten so: „Hier wird gearbeitet und nicht gefaulenzt. Das Leben ist ein Dreck, die Strafen sind barbarisch. Wer Brot stiehlt, wird erschlagen.“ Und weiter: „Setzt euch ja keine Flausen ins Hirn, als ob ihr bald wieder entlassen würdet. Der normale Weg in die Freiheit geht durch den Kamin.“ Der SS-Hauptscharführer Franz Xaver Trenkle, Vize-Kommandant von Dachau, sagte: „Der einzige, der hier lacht, ist der Teufel. Und der Teufel – der bin ich.“ Ende 1945 wurde Trenkle im Dachauer Kriegsverbrecher-Prozess vom US-Militärgericht verurteilt und Ende Mai 1946 erhängt.

Die Gedenkstätten-Mitar­beiterin An­drea Riedle beschreibt die Stationen von Unzeitig: „Priester wie er waren für die Essensausgabe zuständig. Sie mussten die bis zu 75 Kilo schweren Essenskübel schleppen.“ Dabei trugen sie rutschige Holzpantoffel, viele waren so geschwächt, dass sie selbst kaum mehr als 50 Kilogramm wogen.

Das KZ hat seinen Glauben gestärkt

Im April 1942 kam der Geistliche in den Arbeitsdienst auf die Plantage. Bei jedem Wetter wurde dort Erde geschleppt, gezüchtet, geerntet. Es ging um ein „Prestigeprojekt von Heinrich Himmler“, so Riedle. Der hatte die Vorstellung, dass Deutschland bei Heilpflanzen und Gewürzen autark sein sollte. So wollte man auch einen „deutschen Pfeffer“ entwickeln. Ein Jahr darauf arbeitete Unzeitig bei der Besoldungsstelle der Waffen-SS, dann in den „Messerschmitt-Baracken“, wo Rüstungsgüter produziert wurden.

Engelmar Unzeitig wird als aufopferungsvoller, helfender, gläubiger Mensch beschrieben. Er gab russischen Gefangenen, denen es noch weit schlechter ging, seine kargen Essensrationen ab. Er versuchte, anderen mit seinem Glauben aufzurichten. Unzeitig lernte Russisch, um sich mit diesen Gefangenen besser unterhalten zu können, und fertigte einen Katechismus auf Russisch. Wäre das aufgeflogen, wäre er ermordet worden. Sterbenden spendete er die Sakramente.

Aus Unzeitigs Briefen geht hervor, dass ihm das KZ den Glauben nicht genommen, sondern ihn gestärkt hat. Massiv hat er sich darin hineingedacht, wohl weil ihm nur das den Halt gab, um nicht zu verzweifeln. Immer wieder schreibt er vom Gebet, von Gottvertrauen, von der wunderbaren Weisheit Gottes – selbst in dieser grauenhaften Umgebung. In Dachau gab es 200 000 Häftlinge, 42 000 von ihnen sind dort gestorben.

Als der Flecktyphus Anfang 1945 am schlimmsten grassierte und die SS-Wächter und das KZ-Pflegepersonal längst nicht mehr die Krankenbaracken betraten, wurde bei den Priestern nachgefragt. 20 meldeten sich freiwillig, einer von ihnen war Pater Unzeitig. Ihm muss klar gewesen sein, dass er sich infizieren und die Krankheit nicht überleben würde. So kam es auch. Am 2. März 1945 starb Engelmar Unzeitig – einen Tag nach seinem 34. Geburtstag, knapp zwei Monate vor der Befreiung Dachaus am 29. April 1945.

Unzeitigs Leichnam wurde verbrannt, die Urne konnte aus dem KZ geschmuggelt und zu den Mariannhiller Missionaren in Würzburg gebracht werden. Bei ihnen liegt sie in der Herz-Jesu-Kirche des Ordens.

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