Fremde Kulturen hautnah

Stuttgart.  Es wurde in Rekordzeit gebaut und gibt seitdem Nachhilfe in Sachen fremde Kulturen: das Linden-Museum. Jetzt feiert die Einrichtung für Natur- und Völkerkunde am Hegelplatz ihr 100-jähriges Bestehen.

Das erste Ausrufezeichen setzte das Linden-Museum bereits bei seinem Bau: Vom Spatenstich bis zur Eröffnung der ersten Ausstellung vergingen lediglich 18 Monate. Ein Problem besteht jedoch nach wie vor: Heute wie damals leidet die renommierte Einrichtung für Natur- und Völkerkunde am Hegelplatz unter Raumnot. Daran wird sich auch im Jahr des 100-jährigen Bestehens so schnell nichts ändern. Will ein Händler wissen, welche Produkte auf überseeischen Märkten gefragt sind, geht er in ein Museum und informiert sich dort. Heute dürfte die noch vor 100 Jahren vorherrschende Vorstellung bei den meisten lediglich ein Schmunzeln hervorrufen. Allerdings führte sie vor einem Jahrhundert zur Eröffnung des Linden-Museums. Damals hatte es sich der "Württembergische Verein für Handelsgeographie und Förderung Deutscher Interessen im Ausland" zur Aufgabe gemacht, die wirtschaftlichen Erfolge seiner Mitglieder zu fördern. Vorrangiges Ziel: Fabrikanten sollte es erleichtert werden, Märkte außerhalb Europas zu erschließen. Und dafür, so die damalige Überzeugung, bedurfte es eines Museums, das Händlern Anschauungsunterricht gibt.

"Man darf nicht glauben, dass die "Wilden" sich die ersten besten Ladenhüter oder den Fabrikationsschund aufhängen lassen. Sie haben fest stehende, aber oft unausgedrückte Regeln des Geschmacks", schrieb ein Vorstandsmitglied später. Um einen Zugang zu fremden Völkern zu finden, sei ein handelsgeographisches Museum "das beste Mittel", sammle es schließlich "Typen des fremden nationalen Geschmacks". Allerdings verliefen die ersten Schritte mühsam. Tausende ausgewanderte Schwaben wurden mit der Bitte angeschrieben, Objekte für die neue Sammlung nach Stuttgart zu senden. Die Resonanz auf den Aufruf war eher mäßig. Erst mit Unterstützung König Wilhelms II. von Württemberg ging es bergauf. Dieser ließ dem Verein eigene Sammlungen sowie Bestände aus dem Landesbesitz zukommen. Schwierig gestaltete sich zudem die Suche nach einem geeigneten Gelände. Der Vorsitzende des Vereins und spätere Namensgeber des Museums, Karl Graf von Linden, kaufte das Grundstück schräg gegenüber der Gewerbehalle am Hegelplatz für 420 000 Goldmark, 80 000 steuerte er aus der eigenen Tasche bei.

Am 28. Mai 1911 wurde die Eröffnung des staatlichen Museums für Völkerkunde gefeiert. Eine illustre Schar hatte sich angesagt, darunter König Wilhelm II., Herzog Wilhelm von Urach sowie Herzog Ulrich von Württemberg. Von Linden erlebte das Fest nicht mehr mit.

Der Initiator war bereits fünf Tage nach der Grundsteinlegung 1910 gestorben. Bis in die 1950er-Jahre wurden in der Einrichtung, die heute von Stadt und Land getragen wird, vornehmlich Inventare von Naturvölkern gesammelt. Mittlerweile beherbergt das zwischen 1978 und 1985 grundlegend modernisierte Haus sieben Regionalausstellungen - Amerika, Afrika, Südsee, Orient, Südasien, Ostasien und Ozeanien - sowie wechselnde Sonderausstellungen.

Auch wenn das Linden-Museum nach wie vor zu den renommiertesten Völkerkundemuseen zählt, hat es in den vergangenen Jahren im Konzert der renommierten Einrichtungen in Stuttgart seinen Spitzenplatz verloren. Lagen die Besucherzahlen Mitte der 1990er-Jahre bei mehr als 100 000, sank in den letzten Jahren das Interesse. 2010 wurden rund 64 000 Besucher gezählt - allerdings war das Gebäude wegen Renovierungsmaßnahmen im Juli und August nur zehn Monate offen. Mehrfach wurde ein zentral gelegenerer Standort gefordert - auch um die Raumnot zu lindern.

2008 brachte OB Wolfgang Schuster das Gelände zwischen dem künftigen Tiefbahnhof und Schloss Rosenstein ins Gespräch. Dem Rathaus-Chef schwebte ein "Haus der Kulturen" vor, dessen Grundstein das Linden-Museum bilden könnte. Allerdings geriet das Thema wieder in Vergessenheit. "Es gibt weder konkrete Pläne, noch eine Finanzierung", sagt Museumssprecher Martin Otto-Hörbrand.

Den Auftakt zu den Jubiläumsfeierlichkeiten bildet am 27. Mai eine Lange Nacht im Museum, am 28. Mai folgt ein Tag der offenen Tür, bei dem Besuchern ein Blick hinter die Kulissen möglich ist. Als Höhepunkt gilt die Landesausstellung "Weltsichten - Blick über den Tellerrand!", die ab dem 17. September im Kunstgebäude zu sehen sein wird und erstmals mehr als 400 Objekte aller sieben Regionalabteilungen vereint.


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