Es geht um die Wurst: Vegetarische Erregung

Schnitzel hin, Döner her - das Wort Veggie-Day kann man schon nicht mehr hören. Auch die Grünen nicht. Und so stellt Renate Künast ihre Haller Wahlkampfrede unter das Thema "Es geht um die Wurst".

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  • Zur Mittagszeit auf dem Haller Grasmarkt: Renate Künast am vegetarischen Buffet an der Seite des heimischen Bundestagsabgeordneten Harald Ebner. Die ehemalige Bundesministerin erklärt: Deutschland brauche einen Politikwechsel. 1/2
    Zur Mittagszeit auf dem Haller Grasmarkt: Renate Künast am vegetarischen Buffet an der Seite des heimischen Bundestagsabgeordneten Harald Ebner. Die ehemalige Bundesministerin erklärt: Deutschland brauche einen Politikwechsel. Foto: 
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Am Mittwoch erklärt die Grünen-Frontfrau, eine der Urheberinnen der Veggie-Day-Idee, auf dem Haller Grasmarkt, was es mit dem vegetarischen Tag auf sich hat. Natürlich - die Grünen wollen den Menschen nicht vorschreiben, was sie zu essen haben. Soll jetzt etwa jeder selbst entscheiden, ob er Bratwurst isst oder Birne, ob ihm nach Rucola ist oder Rindersteak?

Wer sich Billigfleisch aus dem Supermarkt für 5,99 Euro das Kilo reinstopfen will, hat vielleicht ein Problem - aber ob dieses die Politik in Berlin lösen kann? "Durchaus", sagt Renate Künast mit ihrem Grünen-Abgeordnetenkollegen Harald Ebner an der Seite. Agrarpolitik und Massentierhaltung gehören zu den großen Themen ihrer Partei, betont die 57-Jährige, die von 2001 bis 2005 Bundesministerin für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft war.

Künast schimpft über mutlose Kanzlerin

Vor rund 120 Zuhörern spricht Renate Künast im Nieselregen entschieden über Schuldenabbau und Renten, Bildungschancen und Jobs. Die Grünen-Fraktionsvorsitzende im Bundestag schimpft auch über eine mutlose und phlegmatische Kanzlerin. Künast versteht sich auf die Kunst des Verkürzens. So treten vielschichtige Verzahnungen erst gar nicht in Erscheinung - Politik wird zur schnell verdaulichen Spaßveranstaltung. Hier eine Unschärfe, dort eine mutige Interpretation, so ist das oft im politischen Geschäft, quer durch alle Parteien.

Der Veggie-Day gibt Künast das Gerüst. Es drängt sich die Frage auf: Gibt es hierzulande ein Ernährungsproblem? Vielleicht schon. Das Volk wird dick, ermittelt die zweite nationale Verzehrstudie. 70 Prozent der Männer und 50 Prozent der Frauen in Deutschland gelten demnach als übergewichtig. Also doch mehr Obst und Gemüse? Wer in Städten unterwegs ist, hat tatsächlich kein Problem, sich mit Essen zu versorgen. Kaum eine Straßenecke, an der nicht Schinkenhörnchen aus einer Bäckerei zu haben sind. Kaum eine Gasse, in der es nicht aus einer Döner-Bude nach gebrutzeltem Fleisch duftet. Vom Ort, wo die ehemalige Bundesministerin in Halls Innenstadt Vegetarisches anbietet, erreicht der hungrige Mensch mit wenigen Schritten drei Eisdielen, vier Bäckereien und fünf Schnellesstheken.

Der Mensch soll sich gesünder ernähren und damit auch Tier- und Umwelt schonen - wer will dieser Botschaft widersprechen? Doch die Anregung der Grünen auf einen fleischlosen Tag in Kantinen nehmen viele Menschen offenbar nicht als Vorschlag wahr, sondern als versuchten Eingriff in eine Lebensführung, über die die meisten dann doch gerne selbst bestimmen würden. Da nutzt es auch nichts, dass andere Bereich unseres Alltags längst reglementiert sind - wir dürfen nicht rauchen, wo wir wollen; wir dürfen nicht Autofahren, so schnell wir wollen; wir dürfen nicht Skateboard-Kunststücke vollführen, wo wir wollen . . .

Was nervt mehr - die ständige Konfrontation inklusive der möglichen Fehlinterpretation des Veggie-Day oder die Umfrage-Ergebnisse von gestern Vormittag? Laut Forsa haben die Grünen am Sonntag in einer Woche nicht mit einem Nachschlag zu rechnen, vielmehr sei Magerkost angesagt. Die Meinungsforscher sehen die Grünen nur noch im einstelligen Bereich. "Was sollen wir tun? Wir fighten bis zum Schluss!", sagt Renate Künast. Es geht schließlich um die Wurst.

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