Frühere Gemeinde- und Kreisrätin

Ungerechtigkeit ist ihr Feind

Rot am See.  Ein Amt besitzt Waltraud Wagner nicht mehr. Unpolitisch ist sie deshalb aber noch lange nicht geworden: Die frühere Gemeinde- und Kreisrätin kämpft noch immer für die gerechte Sache. Heute wird sie 70.

Mindestens eine Stunde täglich sitzt Waltraud Wagner am Keyboard und studiert mit Genuss klassische und moderne Stücke ein. "Damit erfülle ich mir einen lang gehegten Traum - seit drei Jahren nehme ich Musikstunden", lacht die Rentnerin aus Rot am See. Wenn sie nicht gerade im Auftrag der Kirche Geburtstagsbesuche macht, sich der Gartenarbeit widmet oder mit ihren Enkeln über den Sinn des Lebens diskutiert, genießt sie mit ihrem Ehemann Erwin das Leben. "Denn ohne einen Mann, der alles mitträgt, hätte ich nie so viel machen können", ist Waltraud Wagner überzeugt. Und gemacht hat sie so einiges.

Mehr als 30 Jahre lang engagierte sich Waltraud Wagner in der Kommunalpolitik. Sie kandidierte 1979 als erste Frau für den Gemeinderat Rot am See - und wurde prompt gewählt. Anfang der 1980er-Jahre trat sie aus Überzeugung der SPD bei, kurz darauf zog sie in den Kreistag ein. Sie war Stellvertreterin des Bürgermeisters. Dieses Amt hatte zuvor in Rot am See noch nie eine Frau bekleidet. Die Liste "Aktiv & Offen", die sie in Rot am See gegründet hat, gibt es bis heute, auch wenn die langjährige Gemeinderätin vor zwei Jahren aus dem Gremium ausgeschieden ist.

"Ich wollte nie nur Quotenfrau sein", sagt Waltraut Wagner, "sicherlich bin ich nicht pflegeleicht. Ich habe Ecken und Kanten, aber ohne die erreicht man ja auch nichts."

Das hat ihr viel Anerkennung eingebracht: 2008 wurde Waltraud Wagner mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt. Trotzdem gab es auch Gegenwind. "Die Debatte über die Krankenhaus-Standorte Schwäbisch Hall und Crailsheim hat mich fast zerrissen. Darüber wurde ich selber krank", erzählt die dreifache Mutter und fünffache Großmutter.

Kurz entschlossen legte Waltraud Wagner daraufhin im Mai 2007 ihr Kreistagsmandat nieder. Eine Kapitulation in der Standort-Diskussion ist das freilich nicht: "Das Klinikum Crailsheim muss zur Versorgung der Menschen in unserer Region bleiben. Dafür werde ich kämpfen, so lange es sein muss."

Waltraud Wagner ist ein sozialer, gerechter und kämpfender Mensch. Stets waren es diese drei Eigenschaften, die ihrem Leben die Richtung gaben - ohne Wenn und Aber. Ihr jahrelanges Engagement für Asylbewerber aus Afrika, denen sie in Rot am See durch viele kleine Hilfen das Gefühl gegeben hat, in der Fremde willkommen zu sein, ist da nur ein Beispiel unter vielen. "Mama Rot am See" nannten sie ihre Schützlinge später. Oder die Unterstützung zweier kurdischer Familien in Frankenhardt. Oder der Fall eines arbeitslosen Mannes, für den die gelernte Buchhalterin die ihm zustehende staatliche Unterstützung erstritt. "Wenn ich Ungerechtigkeiten sehe, da bin ich sofort zur Stelle - und ich stehe immer auf der Seite der Schwachen", bezieht Waltraud Wagner Position und sie fügt an: "Ich habe immer für andere gekämpft, nie für mich. Das war zum Glück auch nicht nötig."

Ihr selbstloser Einsatz gilt übrigens nicht nur den Menschen, sondern auch den Tieren - ein Hund und drei Katzen, die niemand mehr wollte, leben in Wagners Haus - sowie der Umwelt. "Ich wünsche mir, dass wir mit den Ressourcen, die wir haben, so umgehen, dass die, die nach uns kommen, auch noch genug zum Leben haben."


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Autor: CHRISTINE HOFMANN | 01.02.2012

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