Judenstäffele und Siggesle

Natürlich - der Name verräts ja: Helena Rubinstein war eine Jüdin. Die amerikanische Kosmetikunternehmerin ist eine von vielen Persönlichkeiten, die im Braunsbacher Rabbinatsmuseum vorgestellt werden.

ELISABETH SCHWEIKERT |

Es sind zahlreiche Aha-Erlebnisse, welche die Besucher der kurzweiligen Sonderausstellung "Immer voraus und immer entgegen" im Braunsbacher Rabbinatsmuseum haben werden: Unglaublich viele Produkte wurden von Juden erfunden oder erfolgreich vermarktet, zahlreiche jüdische Geistesgrößen haben in Philosophie, Politik oder Literatur Marksteine gesetzt.

In diesen Tagen sind Elisabeth Quirbach (62) und Hans Schulz (66) dabei, die letzten Gegenstände zu etikettieren, die Textrollos anzubringen. Über Monate haben sich die beiden Wahl-Braunsbacher eingelesen, Exponate gesucht, überlegt, wie sie die Ausstellung aufbauen wollen. "Wir haben in kein Projekt bisher so viel Zeit reingesteckt", erzählt Hans Schulz, "und wir haben auch noch nie so viel dazu gelernt." Wer weiß schon, dass der Gründer der Fußballzeitschrift "Kicker" der Jude Walter Bensemann war? Wer weiß, dass Tempo von einem jüdischen Unternehmer so erfolgreich vermarktet wurde, dass der Markenname inzwischen ein Synonym für Papiertaschentücher ist?

Die bildungsnahe jüdische Kultur hat überdurchschnittlich viele Talente gefördert: Von den 836 Nobelpreisträgern sind 22 Prozent jüdischen Glaubens - und das bei einem Anteil der Weltbevölkerung von 0,2 Prozent, sagt Hans Schulz.

Wer am Wochenende einen Tagesausflug ins Kochertal plant, dem bietet sich ein Gang durch Braunsbach an, um die Spuren der früher dort lebenden Juden zu finden. Im Museum kann eine Beschreibung erworben werden.

Elisabeth Quirbach führt am Dienstagmorgen durch den Ort. Vorbei gehts an der Bushaltestelle "Im Rabbinat" - die laut Landesrabbiner Netanel Wurmser die einzige Bushaltestelle im Land mit diesem Namen ist. Es geht in die Pfalzgasse, die früher Judengasse hieß. Vermutlich wohnten dort viele Juden, weil sie auf diese Weise nahe der Synagoge waren - "das war kein Ghetto", sagt Elisabeth Quirbach. Die räumliche Nähe hatte praktische Gründe: Am Sabbat sollen gläubige Juden nicht mehr als 1000 Schritte gehen. Beim Flanieren durch Braunsbach macht die pensionierte Oberstudienrätin auf eine jüdische Inschrift an der Stirnseite eines Türsturzes aufmerksam, an einem anderen Hauseingang ist eine Einsparung im Sandstein, in der vermutlich eine Mesusa (hebräische Schriftkapsel) angebracht war.

"Überall dort, wo heute Balkone sind, feierten Juden früher vermutlich das Laubhüttenfest", erzählt Quirbach. Darauf deutet zumindest die Braunsbacher Balkon-Bezeichnung "Siggesle" hin. Das dürfte auf das jüdische Wort für die Laubhütten "Sukkot" zurückgehen (im Jiddischen auch "Sikkes"). Weiter geht es über das Judenstäffele (Judentreppe) hinter die Burgenlandhalle - dort soll neben der noch erhaltenen Synagoge die Mikwe gewesen sein, ein Tauchbad zur rituellen Reinigung. Noch einen Tipp hat Elisabeth Quierbach parat: Unbedingt den jüdischen Friedhof auf dem Schaalberg besuchen. Männliche Besucher sollten samstags aber eine Kopfbedeckung tragen.

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