Frau Walter Jens?
Crailsheim. Der Platz an ihrer Seite blieb leer. Die Literarische Gesellschaft hat den "großen Gast", so Siegfried Baier, dieses Mal allein empfangen. Dr. Inge Jens las aus ihrem neuen Buch "Unvollständige Erinnerungen".
Man hätte gleich noch einen leeren Stuhl auf die Bühne im Forum der Sparkasse dazustellen können, so präsent war der Gefährte eines langen Lebens. Walter Jens las seit 1978 viermal in Crailsheim aus seinen Werken. "Frau Thomas Mann", der gemeinsame Bestseller über Katja Pringsheim, ist von dem Ehepaar Jens auch gemeinsam vorgestellt worden.
Und jetzt die Autobiografie von Inge Jens. Das ausgesprochen zahlreiche Publikum würdigte das fühlbar ernsthafte Leben und Werk der betagten Autorin mit großer Aufmerksamkeit. Im Verlauf der 83 Jahre gibt es ein Vorher-Nachher. Vor 1949, vor Tübingen, vor Walter Jens die Prägung durch das bürgerliche Elternhaus, der nachhaltige Einfluss der Hansestadt Hamburg, der Krieg. Man meint vieles zu erkennen. Ihre klare, gelassene, ruhige Art. Die Sicherheit des Auftretens; die Vernunft, die aus allem spricht.
Und natürlich die Sprache: bewusst, präzise, ausformuliert. Ein Werkzeug wie von "Manufaktum". Die Schnittmenge war also groß. Und dennoch: Was wäre gewesen wenn? Das ist eine Kinderfrage. Man kann es nicht wissen. Die in der Lesung folgenden beiden Abschnitte sind ohne ihn nicht recht vorstellbar. Der Tee-Termin bei Katja Mann, die Arbeit zum 500-jährigen Jubiläum der Eberhard-Karls-Universität in Tübingen ohne den Hintergrund des begabten, erfolgreichen Mannes? Sie verdankt ihm sehr viel und weiß es auch. Aus den glückhaften Chancen hat sie mit Einsatz und intensivem Interesse eine wichtige Arbeit entstehen lassen. Die Editionen sind mustergültig, ihre mit Leidenschaft betriebene Archivarbeit ist nachahmenswert. Und wie Katja Mann ist sie sehr klar in ihren Einschätzungen: "So war es. Das bleibt." Es weht einen etwas von dem berühmten "Hier steh ich, ich kann nicht anders" an. Ihr Fazit, der letzte Satz der Autobiografie: Es war wunderbar, ist ohne Einschränkung nachvollziehbar. Erst recht, nach der Lektüre des ganzen Werkes.
Und dann wieder ein Vorher-Nachher. Der Schnitt in der Lesung ergibt sich durch den Schwächeanfall eines Besuchers: "Es gibt Dinge im Leben, die sind wichtiger als Lesen." Ihr Kommentar leitet dann doch zu dem, was wichtiger als Lesen, Lehren, Schreiben oder Vortragen geworden ist, zu der Demenz von Walter Jens. Sie möchte einige Worte dazu sagen, es nicht in extenso ausführen.
Der Sachverhalt ist bekannt, ging durch die Presse, ganz Tübingen kennt die Erscheinung des in Begleitung durch die Stadt gehenden alten Mannes, der einmal ein berühmter Professor war. Ein Schatten seiner selbst, ein Wesen jenseits der sozialen Kommunikation. Wie einst für den berühmten Tübinger Dichter hat sich eine Lösung gefunden. Der Schreinermeister Ernst Zimmer, der den Holder, den genialen Friedrich Hölderlin, als Mensch zu nehmen verstand, hat eine Art Vorlage geliefert. Auch Walter Jens hat einen Menschen, der ihn in seiner Kreatürlichkeit annehmen kann.
Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar
Autor: URSULA RICHTER | 20.03.2010
| Artikel twittern |
|
|
Stellte in Crailsheim ihre Autobiografie vor: Inge Jens. Foto: Schmutzler
MEHR ARTIKEL ZUM THEMA
Im Rausch der Musik
Schwäbisch Hall Gefühlvolle Klangwelt der Romantik, mit Schwung und Verve. Diese Worte wären zu wenig, um zu beschreiben, wie das Parnassus-Trio im Sonnenhof seine Zuhörer in einen regelrechten Rausch versetzt.... mehr
Die "Brassband Hohenlohe" will sich etablieren
Ab und zu dehnt sich Hohenlohe doch stark aus. Beim Brassband-Workshop in der Liederhalle in Schmalfelden saßen Blechbläser von Steinheim an der Murr bis Dinkelsbühl und von Heilbronn bis Ansbach - nicht zu vergessen: eine Musikerin kam sogar aus Northeim.... mehrKULTURSZENE: Hoch begehrt
Die Indien-Tournee muss zwar verschoben werden. Doch was die Philharmonie sonst an Auswärtsspielen plant, zeigt, wie gut ihr Ruf europaweit einzuschätzen ist. Nehmen wir die Schweiz: Dort reißt die Nachfrage - trotz der diesmal abgesagten Städtetournee - nicht ab. Am 27.... mehrMärchenstunde mit Clown im Bilderhaus
Gschwend Am kommenden Sonntag, den 12. Februar, kommt der Clown Gerno Knall ins Bilderhaus, um ein großes Stück für kleine Leute aufzuführen.... mehrMusical "Sweet Charity" im Stadtgarten
Schwäbisch Gmünd Das Kolping-Musiktheater in Schwäbisch Gmünd hat das Musical "Sweet Charity" von Neil Simon und Cy Coleman einstudiert. Die Inszenierung von Michael Schaumann hat am heutigen Freitag, 10. Februar, 20 Uhr, im Congress-Centrum Stadtgarten in Schwäbisch Gmünd Premiere.... mehrKurse für Unentschlossene
Limpurger Land Ab März bietet die Musikschule Schwäbischer Wald/Limpurger Land e.V. an der Bühläckerschule in Unterrot Instrumentalunterricht an. Querflöte, Klarinette, Blockflöte, Gitarre und Schlagzeug können direkt vor Ort zu gelernt werden.... mehrMEISTGELESENE ARTIKEL
Türsteherpoltik in Crailsheim in der Kritik
Daheim Geburtstag zu feiern ist ganz schön, aber zum Schluss mit der ganzen Clique noch in die Diskothek zu gehen, hat auch was. Also machte das kürzlich auch die ältere Tochter des Crailsheimer Bürgermeisters Herbert Holl so.... mehr
Neu-Ulmer Bordell-Chefin wehrt sich gegen Vorwürfe
Neu-Ulm Der in einem Neu-Ulmer Bordell aufgefundene Tote wird nicht obduziert. Die Polizei ist sicher: Der 36-Jährige starb durch einen autoerotischen Unfall. Derweil hat sich die Bordellchefin zu Wort gemeldet.... mehr
Inferno in der Hechinger Altstadt
Hechingen Der größte Altstadtbrand der jüngeren Hechinger Geschichte tobte gestern Abend in der Markt- und Schlossstraße. Dramatische Rettungsszenen spielten sich ab. Neun Menschen wurden verletzt.... mehr
Hechinger Brandruinen qualmen noch
Am Tag nach dem Großbrand in der Hechinger Altstadt qualmt es immer noch aus den Brandruinen. Feuerwehrleute sind auch 20 Stunden nach Ausbruch des Feuers noch mit Löscharbeiten beschäftigt.... mehr
Haussklave erhängt sich bei Sex-Spiel in Neu-Ulmer Bordell
Neu-Ulm Ein 36-jähriger Hausbediensteter hat sich am Montag im Neu-Ulmer Bordell „Lili M.“ bei einem Sex-Experiment offenbar zu Tode stranguliert.... mehr

ZURÜCK
