Bis heute Opfer zweiter Klasse

Crailsheim.  Wer in den Augen der Nazis "minderwertig" war, wurde verfolgt und getötet. Das traf nicht nur Juden und Behinderte, sondern auch Menschen, die als "Zigeuner" eingestuft waren.

Für die Nazis stellte sich nicht nur die "Judenfrage", sondern auch die "Zigeunerfrage". Und das auch in Crailsheim. 25 Personen aus dem Gebiet des heutigen Landkreises Schwäbisch Hall - darunter auch Menschen aus Crailsheim und Umgebung - wurden von den Nationalsozialisten als "Zigeuner" oder "Zigeunermischlinge" klassifiziert, verfolgt und in Konzentrationslager verschleppt. 22 von ihnen kamen um oder wurden ermordet. 19 von ihnen starben in Auschwitz. Dort hatten die Nazis ein "Zigeunerlager" eingerichtet. Von den etwa 23 000 Menschen, die dort eingesperrt waren, starben mehr als 19 000.

Dass das "Zigeunerlager" in Auschwitz auch mit Crailsheim zu tun hat, verdeutlichte der Tübinger Heimatforscher und Publizist Udo Grausam in seinem Vortrag, den er auf Einladung der Volkshochschule, des Historischen Vereins und des Stadtarchivs in der Reihe "NS-Opfer in Crailsheim" im VHS-Konvent hielt. In seiner Begrüßung hatte Stadtarchivar Folker Förtsch darauf hingewiesen, dass die von den Nazis als "Zigeuner" denunzierten Menschen bis heute als Opfer zweiter Klasse wahrgenommen werden. Dass der Vortrag von Udo Grausam dazu beiträgt, die Crailsheimer Opfer in die lokale Gedenktradition aufzunehmen, ist nun seine Hoffnung. Das Gedenken an Norbert Schneck etwa. Der wurde am 29. April 1933 in Crailsheim geboren. Er wurde kurz vor seinem 10. Geburtstag zusammen mit seiner Mutter und seinen Geschwistern im März 1943 ins Konzentrationslager Auschwitz verschleppt. Dort war er kein Mensch mehr, nur noch eine Nummer: Z-2479. Nur wenige Monate später war der junge Crailsheimer tot - er starb am 26. Oktober 1943.

Mehr Glück hatte Hannelore Braun. Sie wurde am 30. Oktober 1932 in Crailsheim geboren. Auch sie kam nach Auschwitz - vermutlich im März 1943. Dann, so Udo Grausam, verliert sich ihre Spur. Erst ihr Tod sorgt wieder für einen Eintrag: Sie starb am 24. Dezember 1985 in Bochum. Sie hat also eines, vermutlich sogar zwei Konzentrationslager überlebt. Was waren die Umstände ihrer Geburt in Crailsheim? Eine Frage, auf die es trotz der Recherchen von Grausam noch keine Antwort gibt.

Auch noch nicht in der lokalen Gedenktradition verwurzelt ist der Crailsheimer Bahnhof. Er war, wie viele andere, ein Deportationsbahnhof. Von hier wurden Menschen in den Tod geschickt. Im Tätigkeitsbuch der Ortspolizei von Crailsheim liest sich das ganz harmlos. Da wurde "ein Transport Zigeunerkinder" überwacht, der nach Auschwitz "verschubt" wurde. Es waren Sinti-Kinder aus der Josefspflege in Mulfingen, die ins Konzentrationslager Auschwitz gebracht wurden. Am Crailsheimer Bahnhof erinnert keine Informationstafel an die Kinder aus Mulfingen. Lässt sich das bis 2014 ändern, fragt nun Grausam. Im Mai 2014 jährt sich das Geschehen zum 70. Mal.


zu diesem Artikel sind keine Beiträge vorhanden

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

Sie können noch Zeichen als Text schreiben
Für registrierte Nutzer
Bitte anmelden, um Ihren Kommentar abzuschicken
Für noch nicht registrierte Nutzer
Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken.








Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:


Autor: ANDREAS HARTHAN | 08.02.2012

Google 1+

Zwischen Bachtal-Schönheit und Miss Deutschland

Sie ist Miss Bayern. Jetzt tritt sie auch bei der Wahl zur schönsten Frau Deutschlands an. Die Rede ist von Sarah-Lorraine Riek aus Syrgenstein. Ob sie nun die Krone ins Bachtal holt oder nicht – die 19-Jährige ist gewappnet.... mehr
Voith Paper Technology Center

Voith Paper baut in Heidenheim 280 Stellen ab

Der Schnitt war angekündigt, fiel aber offenbar härter aus als erwartet: Angesichts drastischer Einbrüche am Markt für grafische Papiere will Voith Paper in Deutschland und Österreich über 700 seiner 2800 Stellen streichen.... mehr
Schwerer Unfall bei Brenz

Schwerer Vorfahrtunfall auf neuer Kreuzung bei Brenz

Weil eine Autofahrerin die Vorfahrt nicht beachtete, kam es am Dienstag zu einem verheerenden Unfall auf der neuen Bundesstraße 492: Die Unfallverursacherin wurde lebensgefährlich verletzt.... mehr

Familie muss ausziehen - Fünf Kinder in Wohnungsnot

Neu-Ulm Eine Alleinerziehende steht am 8. Juli mit ihren fünf Kindern auf der Straße, wenn sie keine Wohnung findet. Bisher ohne Erfolg, trotz professioneller Unterstützung der Wohnberatung der Neu-Ulmer Diakonie.... mehr

Amok-Alarm an Schule in Memmingen - Fahndung nach Täter läuft

Memmingen Amok-Alarm hat am Dienstagnachmittag ein 15-jähriger Schüler der achten Klasse in Memmingen (Bayern) ausgelöst. Der Junge hatte die Lindenschule, eine Grund- und Hauptschule, mit zwei scharfen Waffen betreten und mehrere Personen bedroht. Auch ein Schuss fiel.... mehr

Amok-Alarm an Memminger Schule: Waffen gehören dem Vater

Memmingen Die Waffen des 14-jährigen Schützen aus Memmingen gehören dessen Vater. Das teilte die Staatsanwaltschaft am Mittwoch als Ergebnis erster Ermittlungen zu dem Amokalarm mit. Der Vater sei ein Sportschütze.... mehr