Historische Schriftzüge auf Dinkelsbühls Fassaden

Die Schrift auf Dinkelsbühls Fassaden hält sich seit mehr als hundert Jahren konsequent. Die Schilder über den Geschäftseingängen sind historische Hingucker.

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 „Altstadt Dinkelsbühl“: In erster Linie ist die Schriftart eine reine Beschriftung, aber die Schriftart ist auch ein schmuckes historisches und touristisch interessantes Detail der Mittelalterstadt.  Foto: 

Beinahe wie ein einzelnes kleines Gemälde schlängelt sich Buchstabe für Buchstabe an den Fassaden der Dinkelsbühler Häuser entlang. Manchmal muss man zwei- oder dreimal den Blick auf die Schriftzüge über den Schaufenstern richten, um sie lesen zu können. Nur wenige Altstädte wie Dinkelsbühl, die laut Focus „schönste Altstadt Deutschlands“, erlauben für Werbe- und Namensschriftzüge  an ihren Fassaden seit über 100 Jahren konsequent nur historische Schriftarten. Diese sind nicht nur geschichtlich, sondern auch touristisch hochinteressant.

„H-a-u-s d-e-r G-e-f nein s-c-h-i-c-h-t-e“ entziffert die Touristin, die mit ihrem Mann auf Entdeckungstour in Dinkelsbühl ist, über dem Museumseingang. „Die charmante alte deutsche Schrift ist nicht immer ganz so schnell zu lesen wie das Computer-Arial oder Times New Roman. Werbeschriften wie ‚Friseursalon Inspire‘ oder ‚Simon’s Dinner – Der Burgerladen‘ sind da durchaus eine kleine Herausforderung. Die Kombination der historischen Schriftart mit der dahinter stehenden modernen Nutzung mutet auf dem ersten Blick vielleicht etwas eigenartig an, aber durchaus spannend für Touristen“, weiß Dinkelsbühls Oberbürgermeister Dr. Christoph Hammer und hält fest: „Bei einer Mittelalterstadt wie Dinkelsbühl lebt die Seele des Ganzen in den Details. Neben Fachwerk, Gassen und Kopfsteinpflaster gehört die alte Schriftart an den Fassaden dazu.“

Ab 1871 Amtsschrift

„Die Frakturschrift wurde nach der Gründung des Deutschen Kaiserreichs 1871 zur Amtsschrift erklärt und wurde deshalb in Dinkelsbühl an Geschäften und in der Straßenbeschriftung bereits um die Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert durchgängig umgesetzt“, hat Stadtarchivar Gerfrid Arnold recherchiert. Aus Dinkelsbühl ist sie seither nicht mehr wegzudenken. In der geltenden Baugestaltungs- und Werbeanlagensatzung ist die Verwendung dieser alten Schriftarten ausdrücklich festgehalten.

Allgemein waren und sind diese alten, sogenannten gebrochenen Schriften, wie die Schwabacher Schrift und die ihr folgende Fraktur, in Mitteleuropa die Schriften des Deutschtums. Sie kann ohne Sprache Kultur und Zeitgeschichte kommunizieren.

Vermutlich erstmals 1472 wurde die sogenannte Alte Schwabacher Schrift überhaupt verwendet. Sie ist somit 545 Jahre alt und passt bestens zur Mittelalterstadt Dinkelsbühl.

Früher mussten die Schriftzüge wie eine Art Schnittmuster Zentimeter für Zentimeter von Malermeistern aufgebracht werden. Mittlerweile kann ein Großteil der Computer erledigen. Die Schriftarten gibt es digital zu kaufen. Sie können auf vorhandene Häuserpläne im Computerprogramm importiert werden, in der perfekten Größe hochgerechnet und dann ausgedruckt und als Schablone ausgeschnitten werden.

Aber auch am Computer ist Fachwissen gefragt. So kann der Buchstabe „s“ lang oder kurz geschrieben werden – je nachdem, ob er am Ende einer Wortsilbe, am Wortende oder ob er in der Wortmitte steht. Und das weiß der Computer nicht, und scheinbar auch die Touristin – noch – nicht, als sie das Wort „Geschichte“ über dem Eingang des Museums gelesen hat.

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