Seismografen der Gesellschaft
Gschwend. Wenn man die arabische Literatur genauer kennen würde, hätte man einige der heutigen Entwicklungen in Nordafrika zumindest angedeutet finden können. Das stellt Dr. Fähndrich als Gast des Bilderhauses fest.
Dass wir so wenig arabische Literatur lesen, liege wohl, so der in Zürich lehrende Dozent für Arabisch und Islamische Kulturgeschichte, Dr. Hartmut Fähndrich, an einem antiarabischen Reflex in Deutschland.
Auch sei das Interesse an der arabischen Welt viel geringer als an Israel. Wir würden uns einbilden, eine Vorstellung davon zu haben, was orientalisch ist. Diese Vorstellung sei aber, so Fähndrich schon zu Beginn seines Vortrags am Freitagabend im Bilderhaus in Gschwend, immer noch von den Märchen aus "Tausendundeine Nacht" geprägt. Doch schon als diese Märchensammlung 1704 ins Französische übersetzt wurde, entsprach die arabische Welt längst nicht mehr diesen Geschichten. Dass sich die arabisch sprechenden Gesellschaft heute ganz woanders befände, das machte Fähndrich mit seinem Überblick deutlich, in dem er zeigte, über was geschrieben wird. Über die Europäer und ihren literarischen Einfluss wirkte "Tausendundeine Nacht" aber selbst heute noch nach.
Was die arabische Literatur im Vergleich zur europäischen aber unterscheide, liege vor allem in der Schriftsprache begründet. Die habe sich seit dem 9. Jahrhundert kaum verändert, sodass die alte Literatur mehr Einfluss auf die moderne habe als etwa in Deutschland. Mit dem Mittelhochdeutschen fange man hier nicht mehr viel an.
Die Themenbreite der zeitgenössischen arabischen Literatur zeigte Fähndrich anhand von acht Punkten. An erster Stelle stehe thematisch der "Westen" und die Standardstruktur: Studentin oder Student aus armer Familie gelangt mittels Stipendium in den Westen und erleidet einen Kulturschock. Das Standardklischee ist dabei die Kaltherzigkeit des "Westens". Thema kann aber auch die Flucht vor staatlicher Repression sein.
Ein weiteres Thema sei die Situation der Frauen, führte Fähndrich aus: die zwischenmenschliche Situation, also zwischen Mann und Frau, aber auch in der Familie, die politische Situation und Aktivität sowie die Arbeitswelt. Die Entfremdung ist daneben auch ein beliebtes Sujet arabischer Literatur. So habe Abd ar-Rahman Munif etwa in der Reihe "Die Salzstädte" über den Beginn der Erdölförderung und den damit einhergehenden Veränderungen geschrieben. Emil Habibi hat in "Der Peptimist" über die Entfremdung der Palästinenser in ihrem eigenen Land nach der Besetzung durch Israel nachgedacht.
Angesichts der vielen Kriege in den letzten 60 Jahre in der arabisch-sprachigen Welt gehört natürlich auch dieser Themenbereich zur arabischen Literatur. Und obwohl die europäische Welt in der arabischen eher ein Kollektivdenken verortet, gebe es auch Auseinandersetzungen mit dem Ich und dem Selbst, so Driss Chraïbi in "Le passé simple" als Abrechnung mit der marokkanischen Gesellschaft.
In der wissenschaftlichen Sekundärliteratur sei der Themenkomplex Ökologie noch nicht untersucht, resümierte Fähndrich. Dabei gebe es durchaus literarische Werke, die mit so einfachen Momenten wie dem Fällen von Alleebäumen bis zur Veränderung der Stadt aufwarten: Im Café räsonieren die alten Männer, wie viel besser es dabei früher war.
Das Schreiben über Religion und den Islam sei hingegen in der Belletristik weit weniger verbreitet, als die Presse im "Westen" allgemeinhin verbreite. Man lebe die Religion mehr. Und ironische Auseinandersetzungen mit der Religion gebe man auch mehr Raum, als bekannt sei.
Ausführlicher widmete sich Hartmut Fähndrich schließlich den Themen Gefängnis und Repression. Als Schwerpunkt betrachtete er dabei die ägyptische Literatur. Hätte man Bücher wie Sonallah Ibrahims "Der Prüfungsausschuss", Gamal al-Ghitanis "Seini Barakat, Diener des Sultans" oder Alaa al-Aswanis "Der Jakubijân-Bau", der im ägyptischen Parlament für einen Eklat sorgte, hätte man Bewegungen gegen Korruption und staatliche Repression schon deutlich heraushören können. Die ägyptischen Schriftsteller seien hier "Seismografen der Gesellschaft" gewesen.
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Autor: RALF SNURAWA | 15.11.2011
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