Vollbad im Klavierklang

Schwäbisch Hall.  Anna Zassimova spielte in Hall zugunsten der Knochenmarkspenderdatei DKMS. Dem um Blutproben kreisenden Informationsteil folgte ein ausgesprochen blutvoll interpretiertes Musikprogramm.

Die junge russische, schon vielfach ausgezeichnete Pianistin Anna Zassimova begeisterte nicht nur durch fulminante, geschmeidige, nuancierungsreiche Klaviertechnik, auch das mit großen Gefühlen aufwartende Programm gestaltete sie vital und mit "russischer Seele". Wenn man auch Claude Debussys impressionistische Werke als Ausdruck der Romantik versteht, kann man das ganze Konzertprogramm als Bad in romantischem Klavierklang bezeichnen.

Ob zwei Nocturnes von Frédéric Chopin oder sieben Fantasien Op. 116 von Johannes Brahms, stets erklingt die Melodik höchst beseelt und empfindsam; vor allem bei Brahms gerät die Dynamik mitreißend. Ihr Klavierklang entwickelt selbst im stärksten Forte keine Härten und bleibt angenehm fürs Ohr.

Anna Zassimova greift auf einen höchst romantischen Gestaltungsmodus zurück, der, in uralten Schallplattenaufnahmen verewigt, im Verlauf des authentizitätsversessenen 20. Jahrhunderts zumindest in der westlichen Hemisphäre sehr in Ungnade gefallen war. Eine gefühlsintensivierende Aufladung melodischer Höhepunkte wird durch einen zeitversetzten, den Klang quasi arpeggierenden Anschlag erreicht. Auch Bässe können durch minimale Zeitverschiebung besonders gewichtet werden. Bei sehr langsamen Stücken besteht so die Gefahr, dass ein "Lento" (langsam= zum "Lamento" (Klagelied) gerät. Auch bei Zassimovas sehr leichtfüßig vorgetragener Schumann-Arabeske Op. 18 beobachtet man solche musikalischen Staueffekte.

Franz Liszt, Inbegriff des Klaviervirtuosen, hinterließ viele spieltechnisch leistungsgesteigerte Bearbeitungen von Werken Anderer. Im Gegensatz zur Bachschen Choralbearbeitung steht bei Liszt zumeist ein sportlicher Aspekt im Vordergrund; die Rechte des Pianisten turnt fleißig in hohen Tönen herum. Anna Zassimovas bei aller Quirligkeit stets weich fließende, charmante Interpretation von Robert Schumanns "Widmung" in der Bearbeitung durch Franz Liszt stellt technische Raffinesse nicht plakativ zur Schau, sondern lässt das Ganze harmonisch und selbstverständlich erscheinen, weich im Klang.

Ganz besonders gilt dies gilt für drei Stücke Aus "Estampes" von Debussy. Der klangfarbenempfindsame Umgang mit den sanft disharmoniegewürzten Klängen beweist höchste Meisterschaft im Dosieren des Tastendruckes.

Das bekannte "Poeme" von Skrjabin und ein Intermezzo aus Schumanns "Faschingsschwank aus Wien" belohnen den begeisterten Applaus des auch der Geldspende nicht abholden Publikums.


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Autor: RAINER ELLINGER | 01.02.2012

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