Kölner Rap trifft jiddischen Gesang

Schwäbisch Hall.  Zwei Bands, drei Generationen und eine gemeinsame Botschaft: Das charakterisiert das Konzert der Band Coincidence. Am Holocaust-Gedenktag traten sie mit der Hip-Hop-Kombi Microphone Mafia in Hall auf.

Es ist Freitag, der 27. Januar, genau 67 Jahre nach der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz. Dass Esther Bejarano, ausgebildete Sopranistin und eine der letzten Überlebenden des Mädchenorchesters von Auschwitz, gerade an diesem Tag in Hall auftritt, gibt dem Konzert eine besondere Tiefe.

Coincidence bedeutet nicht nur Zufall, sondern auch Übereinstimmung. Welch treffender Name, denn die Musiker aus unterschiedlichen Stilrichtungen eint ihr gemeinsames Thema: Musik fürs Leben. Der politische Kampf gegen rechts, gegen Ausländerfeindlichkeit, für Respekt und Toleranz.

Die Kölner Rapper, die aus türkischen und italienischen Familien stammen, haben die Musik von Coincidence aufgegriffen und bearbeitet. Das Ergebnis ist eine spannende Mischung aus internationalen Arbeiterliedern, vertonten Gedichten und kölschem Rap - gesungen auf deutsch, französisch, italienisch, türkisch und jiddisch.

Schon allein der Anblick der kleinen Dame, wie sie mit ihrer enormen Ausstrahlung zwischen den Rappern steht, ist bewegend. Die 87-jährige singt die Refrains oder liest Texte, der Beat kommt vom Synthesizer und Joram Bejerano am Bass. Edna Bejarano gibt mit ihrer kraftvollen Altstimme vielen Liedern orientalische Färbung.

Bedrückend und berührend zugleich wirkt die Ballade von der "Judenhure" Marie Sanders von Berthold Brecht und Hanns Eisler: "Das Fleisch schlägt auf in den Vorstädten, die Trommeln schlagen mit Macht. Gott im Himmel, wenn sie etwas vorhätten, wäre es heute Nacht."

Oder das Lied von Mikis Theodorakis, der sich im Konzentrationslager per Klopfzeichen mit seinem Freund verständigte: "Du und ich, wir halten durch." Durchhalten, Kämpfen für Menschenrechte und Jugendliche erreichen - das ist die Idee dieses ungewöhnlichen Musik-Crossovers.

Begonnen hat alles 2008 mit einer Initiative gegen Nazimusik, die auf den Schulhöfen gehandelt wird. Dem wollten sie etwas entgegensetzen und verteilten ihrerseits die CD "Per la Vita" (für das Leben). Wie konnten aber die Rapper von Microphone Mafia die 87-jährige Kolloratursopranistin Esther Bejerano für ihr Projekt gewinnen?

Kutlu Yurtseven - er ist Lehrer - erzählt: Er ging auf Joram Bejerano von der Band Coincidence zu, und der meinte: "Wenn du Mutti überzeugst, bin ich dabei." Sie war zuerst etwas irritiert ("Warum ruft die Mafia bei mir an?"), ließ sich dann aber gewinnen, nicht weil sie Rap besonders gut fand, sondern die Idee der CDs auf den Schulhöfen.

Nach der Studioarbeit begannen sie mit einzelnen Auftritten, mittlerweile spielten sie über 120 Konzerte. "Erst waren wir ein Projekt, dann eine Band, und jetzt sind wir eine Familie aus drei Generationen und drei Religionen", sagt Rossi. Das Publikum ("Ich weiß, 60 Prozent von euch hätten nie gedacht, dass sie zu einem Rapkonzert gehen") lässt sich anstecken, klatscht und singt mit, und zum Schluss bewegt sich der ganze Saal zu dem Partisanenlied "Bella Ciao".


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Autor: BARBARA UCIK SEYBOLD | 02.02.2012

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