Zweiter und letzter Tag beim Haller Kongress:

Kannibalen auf dem Podium

Schwäbisch Hall.  Der zweite Tag des Weltmarktführer-Kongresses in Hall wartet auch mit Diskussionen und Streitgesprächen auf. Indien steht im Mittelpunkt. Und zwei Professoren streiten sich über den Mangel an Fachkräften.

Heftig verläuft eine Auseinandersetzung, die zwei Professoren über die Themen Fachkräftemangel beziehungsweise Anwerbung von Fachleuten aus dem Ausland am Donnerstag beim Kongress führen. Ernst Kistler (München) und Gunnar Heinsohn (Bremen) stehen in ihren Ansichten extrem weit auseinander. Heinsohn, studierter Soziologe, Wirtschaftsfachmann, Historiker, Psychologe und Theologe: Kinder von Einwanderern seien in keinem anderen Land vom Niveau der heimischen Kinder so weit entfernt wie in Deutschland. "Für die Schwächsten, die nie lernen können, bezahlen wir jedes Kind." Er spricht sich deutlich gegen die Rekrutierung von vielen Fachkräften aus dem Ausland aus. Profitieren könne Deutschland allenfalls von Menschen, die zum intelligentesten halben Prozent aller gehören. Bei einer großen Anzahl von Zuwanderern würde den Unternehmen geholfen, doch der Gesellschaft würden hohe Kosten aufgebürdet. "Das ist Sozialdarwinismus", wirft ihm Kistler vor. "Ich fördere ihn nicht, ich benenne ihn", antwortet Heinsohn.

"60 Nationen können sich nicht aus eigener Kraft vor einer Überalterung schützen. Die reichen Länder kämpfen um die Talente und kannibalisieren sich dabei", so der Bremer Professor Doktor, Doktor. Wer gescheit agiere, sei nicht der Kannibalisierte, sondern der Kannibalisierer, so Heinsohn. "Unsinn, was sie hier treiben", fährt Kistler nochmals dazwischen. Heinsohn spricht sich sehr deutlich dagegen aus, alle einjährigen Kinder in Krippen schicken zu wollen. "Die beste Krippe schneidet schlechter ab als die zweitbeste Familie." Auch wundere er sich über das Signal, das Deutschland ausländischen Talenten gebe: Kommt zu uns. Rettet jetzt unsere Rente, werdet selbst aber arm im Alter. Gegen die plakativen und provokanten Thesen tut sich Widersacher Ernst Kistler, Leiter des Internationalen Instituts für Empirische Sozialforschung, gestern schwer. Seine Erkenntnis: "Wir dürfen uns bei der Einwanderung nicht auf die Einsteins konzentrieren. Die Stärke unserer Wirtschaft liegt in einer breiten Ausbildung der Beschäftigten."

Um die Betriebe zukunftsfähig zu halten, seien drei Faktoren wichtig: Kompetenz, Gesundheit und Motivation der Mitarbeiter. Einen allgemeinen Fachkräftemangel könne Kistler nicht erkennen. Diesen gebe es allenfalls in einzelnen Berufen.

Schauplatzwechsel. Für den Ex-Wirtschaftsweisen Bert Rürup ist Indien das Land der Zukunft für das Erschließen neuer Märkte. Viele Firmen sind bereits vor Ort. Die Diskussion interessiert sehr, denn europäische Unternehmen treffen hier auf ungewöhnliche Probleme. So berichtet Clas Neumann, Präsident des indischen SAP-Labs in Bangalore, froh zu sein, dass die Kündigungsrate innerhalb des ersten Jahres bei 10 Prozent gehalten wird - für Indien ein sehr niedriger Wert, die jungen Akademiker sind sehr mobil, "schon 500 Euro mehr im Jahr können ein Wechselanreiz sein". Deshalb, so berichtet Geschäftsführer Andreas Lapp von der Stuttgarter Lapp GmbH, werde die Familie mit eingebunden. Onkel, Tanten und Großeltern werden zu Feiern eingeladen, die Mitarbeiter kommen mehrere Wochen nach Deutschland. "Das ist keine Einbahnstraße", betont er. Auch deutsche Mitarbeiter gehen nach Indien, "das schafft Vertrauen, was unabdingbar für den geschäftlichen Erfolg ist."


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Autor: JÜRGEN STEGMAIER HARTMUT RUFFER | 27.01.2012

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