Zuwachs aus gräflichem Hause

Eine Fundgrube für an Heimatgeschichte Interessierte ist das Gaildorfer Stadtarchiv. Diese Einrichtung hat nun mit der Eingliederung des Gräflich Ortenburg'schen Archivs interessanten Zuwachs bekommen.

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  • Gaildorfs Stadtarchivarin Dr. Heike Krause vor einem der Regale, in denen die Dokumente zwischengelagert sind. Rechts: Diese Schrift zeugt von einem Rechtsstreit über die Einrichtung einer "Pfarr-Amts-Verweserey in Gaildorf. 1/3
    Gaildorfs Stadtarchivarin Dr. Heike Krause vor einem der Regale, in denen die Dokumente zwischengelagert sind. Rechts: Diese Schrift zeugt von einem Rechtsstreit über die Einrichtung einer "Pfarr-Amts-Verweserey in Gaildorf. Foto: 
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  • Die älteste Archivalie stammt aus dem frühen 15. Jahrhundert. 3/3
    Die älteste Archivalie stammt aus dem frühen 15. Jahrhundert. Foto: 
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"Mein Arzt, mein Sekretär, mein Förster, mein Gärtner . . ." Gaildorfs Stadtarchivarin Dr. Heike Krause schmunzelt beim Studium des 1826 geführten Notizbüchleins des im selben Jahr verstorbenen Grafen Georg von Waldeck-Limpurg. Handschriftlich vermerkt ist darin unter anderem die genau festgelegte Sitzordnung der damals zur Beamten- und Dienerschaft zählenden Personen in der Stadtkirche, natürlich mit einer Planskizze ergänzt.

Dokumene "klimatisch optimal aufbewahren"

Im Januar war dieses Relikt aus gräflichen Tagen zusammen mit unzähligen Dokumenten von Räumen der Gräflich Ortenburg'schen Forstverwaltung ins Stadtarchiv gekommen - etwa 60 prall gefüllte Umzugskartons voller alter Schriftstücke. Die in 30 Kartons verpackte Bibliothek indes wurde dem Stadtarchiv in Schwäbisch Hall überlassen.

Philipp Graf zu Ortenburg hat sich bereits Mitte vergangenen Jahres aus mehrerlei Gründen dazu durchgerungen, die Dokumente in die Obhut einer sachlich wie fachlich zuverlässigen Betreuung abzugeben: Zum einen war es Platzmangel, zum anderen die Sorge um den Erhalt des Ganzen. Denn die Archivalien müssen unbedingt "klimatisch optimal aufbewahrt werden", wie Archivarin Heike Krause betont.

Und das heißt: Die Akten sollten dunkel, bei gleichbleibender Temperatur und einer Luftfeuchtigkeit von weniger als 50 Prozent gelagert werden. Dies, um Schimmel- und Pilzbefall zu vermeiden bzw. eine bereits begonnene Schädigung zu stoppen, wie Heike Krause erläutert. Das Ganze wird dann in säurefreie Kartons gepackt, um "den normalen Zersetzungsprozess von Papier aufzuhalten".

Aus langjähriger Erfahrung weiß die Archivarin, dass das seit 1840 verwendete Holzschliffpapier im Lauf der Zeit Schwefelsäure bildet und freisetzt. Besonders bei Dokumenten aus der Zeit zwischen 1850 und 1959 ist ein Zerfall des Papiers zu beobachten. Hinzu kommt eine "Verbräunung durch Oxidation" bei Lichteinwirkung.

Ältestes Stück aus dem Hause Ortenburg ist ein im 15. Jahrhundert angelegtes und mit "Regalia zoll glait wilt bann" überschriebenes Verzeichnis von Schriftstücken und Gesetzestexten der Jahre 1349 bis 1407, sozusagen eine frühe juristische Datenbank. Die meisten Archivalien stammen aus dem 19. Jahrhundert.

Obwohl viele der Schätze noch nicht gesichtet sind, konnte sich Heike Krause bereits einen Überblick über die Struktur der neuen Archivabteilung verschaffen. Diese umfasst etwa die Haupt- und Jahresrechnungen ab 1850, forstwirtschaftliche Aufzeichnungen, Familiendokumente, Unterlagen zur Kirchen- und Schulgeschichte, die Mühlenordung des Jahres 1795, Schriftstücke zur Geschichte des einstigen Vitriolbergwerks oder Personalunterlagen.

Etwas unspektakulär erscheinen die Rechnungsbücher oder Inventarverzeichnisse. Doch die haben es aus Sicht der Archivarin tatsächlich in sich: Vieles, etwa die kaum überlieferte Einrichtung des Alten Schlosses, lässt sich dadurch rekonstruieren. Das gilt auch für Möblierung und Ausstattung der "Villa Waldeck", des Neuen Schlosses (und heutigen Rathauses der Stadt Gaildorf): Im Inventarverzeichnis zum Nachlass der Gräfin Amalie Charlotte Auguste von Waldeck-Limpurg, die den Bau des "Schlösschens" in Auftrag gegeben hatte, ist nicht nur von Kunstgegenständen wie Gemälden, Kupferstichen und Porzellan die Rede, sondern auch vom Weinkeller und von der Bibliothek. Demnach wurde im gräflichen Hause nicht nur Goethe gelesen, die Liste nennt auch eine Vielzahl philosophischer, politischer und medizinischer Schriften.

Das Ministerium bestätigt: Die Gräfin ist eine Gräfin

Und hätte es anno 1832 schon eine Regenbogenpresse gegeben, hätte sich diese sicher auf einen erhaltenen Schriftwechsel der aus bürgerlichem Hause stammenden Gräfin Amalie gestürzt: Als geborene Wirts kämpfte sie nach dem Tod ihres Gemahls, des Grafen Georg, um die ihr gebührende Anrede. Mit Datum vom 29. Februar hat ihr das königliche Außenministerium (!) bestätigt, dass sie "rechtmäßig" eine Gräfin sei und mit "Erlaucht" angesprochen werden dürfe.

In den kommenden Monaten wird Heike Krause nun sämtliche Archivalien sichten, verzeichnen und inventarisieren - und dabei sicher noch auf die eine oder andere Geschichte aus längst vergangenen Tagen stoßen.

Die Ortenburgs, Nachfahren der Linie Limpurg-Gaildorf

Eine Erbtochter der Linie Limpurg-Gaildorf heiratete in die Familie Solms-Assenheim. Eine Tochter aus dieser Ehe wiederum heiratete in die Familie Waldeck. Enkel Georg Karl Friedrich von Waldeck erwarb von seinen Geschwistern die Solms-Assenheimischen Anteile an der Herrschaft Limpurg-Gaildorf. Eine Nachfahrin wurde nun durch Heirat in die Familie Bentinck aufgenommen. So entstand die Linie Bentinck und Waldeck-Limpurg. Die Mutter des Grafen Philipp zu Ortenburg war eine geborene Bentinck und Waldeck-Limpurg.

SWP

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