Wenn die Scheuklappen fallen

Eine Studie macht Furore: Das Sinusinstitut in Heidelberg hat Jugendmilieus untersucht und sozusagen katalogisiert. Die Ergebnisse sind auch in Gaildorf vorgestellt und zur Arbeitsgrundlage geworden.

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Der Gaildorfer Streetworker Markus Akilli (am Board) leitet beim Fachtag zur Sinus-Milieustudie einen Workshop mit Schülerinnen und Schülern. Auch Kreisjugendreferent Dietmar Winter (vorne links) nahm teil. Archivfoto: Markus Zaklikowski

Seltsame Begriffe hat das Sinusinstitut mit seiner U 27-Milieustudie in die Diskussion um das Verhalten von und die Arbeit mit Jugendlichen eingeführt. Von Traditionellen, Bürgerlichen, Konsummaterialisten, Postmateriellen, Hedonisten, modernen Performern, Experimentalisten und Prekären ist die Rede. Mit Schubladendenken haben diese Begriff, die in Gaildorf unter dem Titel "Wie ticken Jugendliche" vorgestellt wurden, freilich nichts zu tun: Es sind sehr exakte Definitionen, die ebenso zur Selbsterkenntnis beitragen, wie zum Verständnis anderer.

Er habe sich selbst, rückblickend, eigentlich dem Milieu der Post-Materiellen zugeordnet, sagt Benjamin Irschig, der im Sonnenhof Gaildorf für den Freizeitbereich zuständig ist. In einem Fachtag zur Sinusstudie, den der Gaildorfer Streetworker Markus Akilli für Kirchen- und Vereinsvertreter organisiert hatte, sei ihm klar geworden, dass er in jungen Jahren eher den Hedonisten zuzurechnen war.

Zeit, zumindest einige dieser Begriffe zu erklären: Hedonistische Jugendliche sind dort zu finden, wo was los ist, sie sind "erlebnisorientiert" und grenzen sich ab gegen die als flach und spießig empfundene Bürgerlichkeit. Postmateriell orientierte Menschen halten sich nicht mit Äußerlichkeiten auf; sie sind am ehesten politisch interessiert und aktiv. In einem selbst verwalteten Jugendzentrum würde man beide finden: Den Postmateriellen im Vorstand, den Hedonisten am Kicker. Und beide teilen eine Abneigung gegen die vermeintlich oberflächlichen Konsummaterialisten in ihren "Ed Hardy"-Klamotten.

Irschig hat den Fachtag vor allem aus persönlichem Interesse besucht. Er hatte zuvor einen ausführlichen Artikel über die Sinusstudie gelesen. Er habe viel über die verschiedenen Milieus gelernt, sagt er, die Zuordnung erleichtere das Verständnis für das Gegenüber und auch die Kommunikation. Die Offenheit gegenüber anders tickenden Jugendlichen, die auch aus der Erkenntnis der eigenen Wurzeln rühre, öffne den Zugang zu anderen Milieus. Wer, wie Irschig am Sonnenhof, junge Mitarbeiter aktivieren möchte, findet in der Sinusstudie eine Handreichung.

Auch bei den Studienobjekten selbst dürfte die eine oder andere Scheuklappe gefallen sein. Im Februar hat Akilli für die älteren Schülerinnen und Schüler der Gaildorfer Schulen einen Fachtag zur Sinus-Milieustudie veranstaltet. Schon ein Jahr zuvor hatte er eine "Zielgruppenanalyse" durchgeführt, für die 1030 Schülerinnen und Schüler befragt worden waren. Jetzt setzte man sich in Workshops zusammen, diskutierte Ergebnisse und Erkenntnisse und ergründete die Vorurteile, die das Zusammenleben erschweren. Handfeste Folgen? Man versteht sich besser. Ein Milieu definiert sich schließlich nicht allein durch die äußerlichen Erscheinungsmerkmale seiner Protagonisten, sondern durch Träume, Sehnsüchte, Zukunftsentwürfe und die hat jeder. Auch das "Trennende" wurde erkannt: Auf Initiative von Schülerinnen und Schülern der Hauptschule läuft derzeit eine Umfrage zum Thema "Gemeinsame Pausen".

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