Wanderung vom Garbenwagen zur Eisengießerei

|
Erwin Holzwarth erläutert vor der schützenden Vitrine die Arbeiten von Johannes Offinger.  Foto: 

Wie war die wirtschaftliche Situation in Württemberg nach den Hungerjahren? In einer dafür aufgestellten Vitrine präsentiert Erwin Holzwarth im Heimatmuseum Horlachen den Besuchern etliche 180 Jahre alte Originalzeichnungen von Gussvorlagen für Eisenteile, die in Wasseralfingen Verwendung fanden. Holzwarth ist ein Meister im anschaulichen Erzählen, im Herstellen von unerwarteten Querverbindungen und beim Aufspüren historischer Schätze. Seine Querverbindung zwischen Garbenwagen und Eisengießerei erschien nur auf den ersten Blick gewagt. Fragen aus dem Publikum sortierte er blitzschnell in die richtige Schublade. Es war ein Genuss, seinen Ausführungen zu folgen.

Rücksichtslos ausgebeutet

Die politische Landschaft in Europa war zu Beginn des 19. Jahrhunderts durch die forschen Unternehmungen von Napoleon geprägt. Die Kontinentalsperre, ein misslungener Russlandfeldzug und die Einvernahme zahlreicher Herzogtümer sorgten dafür, dass die Menschen unter der politischen Bürde zu leiden hatten. Württemberg verbündete sich zwar zunächst mit Napoleon und erhielt mit der Neuordnung von 1802 Comburg und Ellwangen hinzu, wurde jedoch rücksichtslos ausgebeutet.

Wiederholte Hungerjahre durch missratene Ernten, Cholera-Epidemien (1830 auch in Gschwend) und mangelnde wirtschaftliche Absicherung sorgten dafür, dass sogar die selbstherrliche Gleichgültigkeit von Monarchen allmählich aufgeweicht wurde. König Wilhelm I von Württemberg und seine Frau Katharina erkannten die Zeichen der Zeit. Sie zogen zahlreiche Register zur Verbesserung der Situation. Ab 1818 begann in Württemberg eine fortschrittliche Landesentwicklung, die ganz allmählich auch Gschwend erreichte.

In der Landwirtschaft wurden neue Anbau- und Produktionsmethoden eingeführt, um die Erträge zu steigern. Eine Ermutigung für die Bauern von Gschwend, aber Missernten und wirtschaftliche Not gab es auch danach immer wieder. Zahlen von 1847 belegen dies: In Gschwend (damals 1883 Einwohner) lebten 100 Familien vom Betteln, 125 Familien hatten ihre Wohnung verpfändet, 80 Bauernfamilien waren hoch verschuldet und nur 30 Familien waren schuldenfrei.

 Gewerbe und Industrie kamen zudem nur sehr zögerlich in den Schwäbischen Wald. Württemberg hatte ohnehin in diesem Bereich besonderen Nachholbedarf und war überhaupt nicht konkurrenzfähig. Erst 1854 entstand zur Arbeitsbeschaffung in Gschwend eine Zündholzfabrik, zwei Jahre danach wurden in Horlachen Spanschachteln gefertigt. Die Menschen mussten sich damals mit bescheidenen Erzeugnissen zufrieden geben. Die Not hatte noch lange kein Ende gefunden.

Zeichenschule in Stuttgart

Jenseits des Hagbergs, in Richtung Stuttgart, Ellwangen und Aalen, sah es jedoch besser aus. Hier wurde die industrielle Entwicklung durchaus spürbar. Erwin Holzwarth machte dies mit seinem neuesten historischen Fund deutlich. Die zahlreichen Handzeichnungen des 1820 geborenen Modellschreiners Johannes Offinger sind eindrucksvolle Nachweise des damaligen Fortschritts.

Unter dem Motto „Bildung mit Brot“ waren in Stuttgart mehrere Bildungseinrichtungen gegründet worden. Offinger besuchte wohl die dortige „Allgemeine Zeichenschule für Gewerbeleute“, nachdem er ab 1836 im königlichen Hüttenwerk Wasseralfingen eine Anstellung als Modellschreiner für vielfältige Gusseisen-Objekte gefunden hatte.

In einer mehrseitigen biografischen Aufzeichnung ist noch heute seine Handschrift zu bewundern, die „wie gestochen“ wirkt. Wasseralfinger Produktionen aus jener Zeit sind in der Wilhelma, bei der Villa Berg oder auf dem Schlossplatz zu sehen.  Dass Gegenstände aus Gusseisen ein Zeichen des aufkommenden Wohlstands waren, konnten die Besucher auch an einem schmückenden Eisenrelief aus Oberrot studieren. Es hing im Hausflur eines Bauern, der sich diesen Kunstgegenstand leisten konnte. Das einfache ländliche Motiv stammt von Konrad Weitbrecht (1796-1836), der zahlreiche Motive dieser Art entworfen hatte.

Info Am 3. September wird die thematische Reihe des Horlacher Heimatmuseums mit einem Vortrag zum Thema „Auswanderung im 19. Jahrhundert“ fortgesetzt. Dann wird auch die Frage beantwortet, ob einige Gschwender bei der allgemeinen Auswanderungswelle, die in Württemberg ab 1850 einsetzte, mit dabei waren.

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Bosch-Manager ist in Ottendorf Nazis entkommen

Albrecht Fischer hatte Glück im Unglück. Jetzt erinnert die Landeszentrale für politische Bildung an den NS-Widerständler. weiter lesen