Vor 75 Jahren: Der Beginn des Zweiten Weltkriegs im Spiegel des Gaildorfer "Kocherboten"

Im Juli 1939 wurden junge Männer der Jahrgänge 1919 und 1920 aus den Gemeinden Gaildorf, Eutendorf, Fichtenberg, Hausen und Oberrot für die Wehrmacht gemustert. Der "Kocherbote" schrieb damals: "Unsere Jungens müssen - nein sie wollen dienen.

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    Im Krieg: Das III. Bataillon des Infanterie-Regiments 684 marschiert im Frühjahr 1941 durch Gaildorf. Foto: 
  • Ausschnitt aus dem "Kocherboten" vom 2. September 1939 mit dem "Aufruf des Führers an die deutsche Wehrmacht". Der Krieg hat begonnen. 2/2
    Ausschnitt aus dem "Kocherboten" vom 2. September 1939 mit dem "Aufruf des Führers an die deutsche Wehrmacht". Der Krieg hat begonnen. Foto: 
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Im Juli 1939 wurden junge Männer der Jahrgänge 1919 und 1920 aus den Gemeinden Gaildorf, Eutendorf, Fichtenberg, Hausen und Oberrot für die Wehrmacht gemustert. Der "Kocherbote" schrieb damals: "Unsere Jungens müssen - nein sie wollen dienen." Es war die Generation, die zwar kurz nach Ende des Ersten Weltkriegs und somit im Frieden geboren wurde. Aber die Bevölkerung erlebte diesen Frieden als Zeit der Not und der politischen Instabilität. Der Friedensvertrag von Versailles sorgte nicht für einen Neubeginn, sondern für ein Interim auf dem Wege in einen weiteren Weltkrieg - der heute vor 75 Jahren begann.

Die Alliierten hatten 1919 die Bedingungen diktiert: Die Kriegsschuld, so der Tenor, liege allein beim Deutschen Reich und seinen Verbündeten. Neben Reparationsforderungen in Höhe von 20 Milliarden Goldmark mussten auch Gebiete abgetreten werden. Teile des Deutschen Reiches gingen an Dänemark, Frankreich und Belgien, an die neugegründete Tschechoslowakei sowie vor allem an Polen. Ostpreußen wurde vom restlichen Reich durch einen Korridor getrennt; Danzig wurde zur "Freien Stadt Danzig".

Lokale Ereignisse spielten kaum eine Rolle mehr

Der Friedensvertrag von Versailles war nicht dazu geschaffen, tatsächlich Frieden zu schaffen. Vielmehr war er dazu geeignet, eine rechtsextreme Partei - die NSDAP - und ihre Revanchegedanken an die Regierung zu bringen. Liest man den "Kocherboten" von 1939, dann beherrscht antipolnische Propaganda die Ausgaben. Detailliert wird von polnischen Übergriffen auf die deutsche Minderheit berichtet, von Gräueltaten und von Unterdrückung. Ein beliebtes Schlagwort in der Presse ist "polnischer Chauvinismus". So wird ein Feindbild in den Köpfen der Menschen geschaffen und manifestiert. Als im Juli 1939 in Polen Erinnerungsfeiern anlässlich der Schlacht von Tannenberg, in der 1410 die Deutschordensritter vom Heer des polnischen Königs vernichtend geschlagen wurden, stattfanden, titelte der "Kocherbote": "Polnisches Maulheldentum - Wir werden gegen den westlichen Nachbarn jeden Krieg gewinnen".

Ebenfalls im Juli gedachte man in Deutschland einer anderen "Schlacht bei Tannenberg", nämlich der vom August 1914, als deutsche Truppen unter General Paul von Hindenburg die russische Armee aus Ostpreußen zurückschlugen. Obwohl die Schlacht bei Allenstein ausgefochten wurde, benannte man sie aus Propagandazwecken in "Schlacht bei Tannenberg" um. Überhaupt gedachte man in jenen Tagen immer wieder des Ersten Weltkriegs, der 25 Jahre zuvor begonnen wurde.

Lokale Ereignisse spielten eher eine Nebenrolle: zum Beispiel der Ankauf der früheren Blechwarenfabrik durch die Firma J. Wizemann & Co. in Cannstatt oder der Tod von Kaufmann Eugen Heller am 7. August und die "Errichtung einer Eugen und Katarine Heller-Stiftung". Ein anderes lokales Ereignis dagegen wurde ausführlich behandelt, nämlich die Jubiläumsfeier zum 10-jährigen Bestehen der Gaildorfer NSDAP-Ortsgruppe Anfang Juli.

"Tanzlustbarkeiten bis auf weiteres verboten"

Am 19. August lautete die Schlagzeile: "Höhepunkt des Nervenkrieges - Polen verschärft systematisch die Krise - Heuchlerische Friedensvorschläge aus London und Paris - Deutschlands Forderungen unabdingbar". Derweil unterzeichnete der deutsche Reichsaußenminister von Ribbentrop am 24. August mit der Sowjetunion einen Nichtangriffspakt. Für den nächsten Tag "ist in London das Parlament einberufen und ein Kronrat eingesetzt. In Paris tagt der Ministerrat unter Leitung des Staatspräsidenten. Die Polen", so die Gaildorfer Zeitung, "haben sich schwere Herausforderungen durch Beschießung zweier deutscher Verkehrsflugzeuge zuschulden kommen lassen. Die polnischen Kriegsvorbereitungen im Grenzgebiet werden immer umfangreicher. Die Terrorakte polnischer Horden gegen Volksdeutsche haben ein unerträgliches Ausmaß angenommen. In London und Paris hat man sich in die Garantieleistung für Polen verrannt. Chamberlain hat durch einen Brief den Führer unterrichtet." Diese Textpassage aus dem "Kocherboten" vom 24. August kündet es bereits an - die Kriegsmaschinerie lief auf vollen Touren. Am 25. August konnte man lesen: "Mobilmachung in Polen" und am 28. August "1,5 Millionen Polen mobilisiert - Danzig und der Korridor müssen ins Reich zurück."

An diesem Tag meldet die Zeitung aber auch, dass in Deutschland die Bezugsscheinpflicht für bestimmte Lebensmittel und Gebrauchsgegenstände eingeführt wird (zum Beispiel für Fleisch, Milch, Öle und Fette, Zucker, Kaffee, auch Seife, Spinnstoffwaren und Leder, Schuhe). Zwei Tage später marschierten deutsche Truppen "zum Schutze der Slowakei" dort ein. Am 31. August heißt es dann: "Polen hat die General-Mobilmachung angeordnet". In Gaildorf ordnete man die Rückkehr der HJ-Gruppen aus den Sommerlagern an und gab ein Luftschutzmerkblatt an die Bevölkerung aus.

Am 1. September trat "der deutsche Reichstag () um 10 Uhr zur Entgegennahme einer Erklärung der Reichsregierung zusammen. Die Sitzung wird auf alle deutschen Sender übertragen. Danzig wieder deutsch!" Übrigens besaßen zu diesem Zeitpunkt 62,2 Prozent der Gaildorfer Haushalte einen Rundfunkapparat. - In feldgrauer Uniform erschien "der Führer" Adolf Hitler am Rednerpult, gab eine "Erklärung" ab und erließ "einen Aufruf an die deutsche Wehrmacht". Nur als kleine Notiz konnten die Gaildorfer der Zeitung entnehmen, dass "das in Neufahrwasser liegende Schulschiff Schleswig Holstein () die von den Polen besetzte Westerplatte unter Feuer" genommen hatte. In Gaildorf trat die "Kriegswirtschafts-Verordnung" in Kraft; auch "Tanzlustbarkeiten" waren nun "bis auf weiteres verboten".

Damit hatte ein Krieg begonnen, der den von 1914/18 an Schrecklichkeiten weit übertreffen sollte. Als 1945 NS-Deutschland kapitulierte, hatten die Alliierten jedoch etwas aus dem Vertrag von Versailles gelernt. Erst jetzt war es möglich, in Deutschland eine Demokratie aufzubauen.

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