Unterschlagung: Angeklagter nur Sündenbock?

Das Haller Amtsgericht hat einen 40-Jährigen vom Vorwurf freigesprochen, als Arbeiter in einer Lagerhalle Autoreifen unterschlagen zu haben. Die Staatsanwaltschaft sieht das anders.

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Reifen soll ein 40-Jähriger in einem Großhandels-Lager unterschlagen haben. Der Richter sprach ihn frei, die Staatsanwaltschaft hält ihn für schuldig. Foto: dpa

150.000 Reifen lagern in den Hallen eines Großhändlers in Gaildorf-Großaltdorf. Etwa 40 Mitarbeiter werden beschäftigt. Im Herbst 2012 gehörte der jetzt angeklagte Mann dazu. Inzwischen ist er entlassen. Noch in seiner Probezeit soll er laut Anklage für einen angeblich gutgläubigen Ankäufer ein Dutzend Auto-Reifen abgezweigt und ihm übergeben haben.

Das Lagerareal ist riesig. Im "Lager 7000" soll der auswärtig beschäftigte Reifen-Käufer am 11. Oktober ein Bündel Geldscheine an den Angeklagten ausgehändigt haben - während der Arbeitszeit. Ein Zeuge will das beobachtet haben. Wie viel Geld es gewesen sein mag, blieb in der Verhandlung ebenso unklar wie die Frage, welche Reifen welcher Fabrikate hier bezahlt wurden.

Hintergrund des Verfahrens ist ein enormer Reifenschwund aus den Lagerboxen, der lange unentdeckt blieb. Weil sie nachweislich viele Reifen mitgehen ließen, wurden zwei anderweitige Mitarbeiter des Unternehmens Anfang Juli vom Haller Schöffengericht wegen Diebstahls verurteilt. Die Rolle, die der jetzt beschuldigte 40-Jährige bei den unsauberen Geschäften gespielt haben soll, ist im Vergleich zu den verurteilten Kollegen verschwindend klein.

Staatsanwalt Tobias Krautwasser versucht, Licht in das Dunkel zu bringen: "In der Firma ging vieles drunter und drüber", stellt er fest. Am Ende ist Krautwasser überzeugt, dass der Angeklagte zumindest acht Autoreifen unterschlagen und verkauft hat. Er fordert vier Monate Haft. Nach seiner Ansicht soll der vorbestrafte 40-Jährige die Strafe zügig absitzen.

Verteidigerin Christiane Piesker (Künzelsau) aber fordert einen Freispruch. "Man hat einen Sündenbock gesucht", meint sie. Ihr Mandant habe mit dem Reifen-Fehlbestand nichts zu tun, bekannterweise seien andere Mitarbeiter verwickelt.

Auch Richter Jens Brunkhorst sieht den Fall als verworren an. Schon die Anklage, so Brunkhorst, sei "etwas ungenau" gewesen. Die Belastungszeugen hätten sich möglicherweise abgesprochen. Der Vorwurf sei nicht ausreichend bewiesen. Brunkhorst spricht den Mann frei.

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