Sie tanzen sich frei: Projekt hilft Flüchtlingskindern anzukommen

Am Donnerstagnachmittag haben sie ihre Generalprobe, am Freitag treten sie beim Parkschulfest auf. Fünf der elf Tänzerinnen sind erst seit kurzem hier.

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Alisa Hagemann (im Vordergrund), Inhaberin und Tanzlehrerin vom „studio A tanz & fitness“ aus Hall, probt mit den Mädchen den Tanz, den sie beim Fest der Parkschule am morgigen Freitag aufführen und vielleicht auch beim Freundschaftstag im September in Hall. Fünf der Mädels kommen aus Syrien oder Afghanistan.   Foto: 

Aus dem Lautsprecher dröhnt „Black or White“. Die Rhytmik des Songs, der Michael Jackson weltberühmt gemacht hat, eignet sich prima zum Tanzen. Und er hat Symbolwert. Vor dem großen Spiegel im Gymnastikraum 3 der Limpurghalle tanzen elf Mädchen. Sie sind in Gaildorf geboren, in einem Dorf in Afghanistan, in Aleppo oder Damaskus. Fünf der Mädchen zwischen elf und 15 Jahren sind mit ihren Eltern und teilweise Geschwistern nach Deutschland geflohen und über etliche Stationen in Gaildorf gelandet, vorläufig gelandet. Ihre Zukunft ist ungewiss, sie haben noch keine Anhörung gehabt. Ungewiss ist auch, ob und wie lange sie in Gaildorf wohnen werden. Wichtig ist, dass sie Kontakt mit ihren Verwandten haben, dem großen Bruder, der in München studiert, der Tante im Libanon, der anderen Tante in der Türkei und den Großeltern in England.

Tante im Libanon, Opa in England, Bruder in München

Eine Woche lang werden die Schülerinnen von Alisa Hagemann, Inhaberin und Tanzlehrerin vom „studio A tanz & fitness“ aus Schwäbisch Hall, besucht und bekommen Unterricht wie in einer richtigen Tanzschule. Die Mädels haben sichtlich Spaß beim Tanzen. „Super“, ruft Katharina Deeg, lacht  und klatscht in die Hände.

Zusammen mit Katja Neben koordiniert die Sozialarbeiterin das Projekt „Life“. Es steht für „lernen, integrieren, fördern und erleben“ (siehe Infokasten). Das Tanzprojekt gehört zur Projektwoche der Parkschule, die für den  morgigen Freitag ab 14 Uhr in ihre Räumen zum Fest einlädt. Roya und Leyla tanzen nebeneinander. Sie sind gleich alt und stammen beide aus Syrien. Bloß: Roya ist Kurdin und sie trägt kein Kopftuch. „Nicht alle arabischen Leute hassen die Kurden“, erklärt Leyla später im Gespräch. „Warum das so ist, keine Ahnung, aber Roya ist meine Freundin.“ Sie möchte mal Ärztin werden oder Architekt wie ihr Vater. Ihr Deutsch ist ganz passabel, obwohl die Mächen erst seit ein paar Monaten hier leben. Es ist sogar so gut, dass die beiden im nächsten Schuljahr in die Realschule wechseln können. „Wir sehen, wie sie von Woche zu Woche aufblühen. Sie tanzen sich hier frei“, sagt Katharina Deeg.  Sie freut sich, dass die Mädels gerne das Projekt besuchen  und auch so schnell Fortschritte machen. Die beiden Sozialarbeiterinnen – Deeg ist seit Februar 2015 Schulsozialarbeiterin an der Schlossrealschule, Neben seit 2008 an der Parkschule – wollen Kulturbotschafter sein,  zwischen den Kulturen vermitteln, helfen, sie kennenzulernen und zu wissen, wie der andere tickt. Sie besuchen  die Eltern in den Unterkünften, gehen mit den Kindern Eis essen oder einkaufen, damit sie lernen, sich hier zurechtzufinden. Wie die Ehrenamtlichen der Freundeskreise sind die beiden von der Dankbarkeit, aber auch dem Respekt, der ihnen entgegengebracht wird, berührt. „Mich hat ganz spontan ein Mädchen auf die Backe geküsst, so sehr hat sie sich gefreut, dass wir zusammen in der Eisdiele waren.“ Die Integration bezeichnet sie als „mühsame Kleinarbeit“.

Deeg macht Weiterbildung zur Trauma-Assistentin

Katharina Deeg wird eine Weiterbildung zur Trauma-Assistentin machen. Als Sozialarbeiterin fühle sie sich in Situationen überfordert, wenn ein Flüchtling plötzlich und für sie unerklärlicherweise schweigsam oder abwesend wird. „Mit so was muss man richtig umgehen können“, findet sie. Flüchtlingsarbeit ist auch für sie eine neue Herausforderung. Zuvor hat sie mit wohnungslosen Jugendlichen in Stuttgart gearbeitet. Katja Neben berichtet aus dem Schulalltag, wenn plötzlich 14 Kinder in der Klasse stehen. „Ich habe Hochachtung vor den Lehrern“, sagt sie. Immer wieder tanzen die Mädels zu „Black or White“. Nori wischt sich den Schweiß aus dem Gesicht.  Auch Aylin setzt sich auf die Bank, zieht ihre Turnschuhe aus und die Sandalen an. Gestern Abend habe sie mit ihren Freunden und der Familie Zuckerfest gefeiert, sagt sie. Ihre Klassenkameraden wissen über das religiöse Fest Bescheid. Mit den fünf neuen Mädels in der Klasse, sagt sie, verstehe sie sich gut, vor allem das Tanzen sei „cool“. Welche Nationalität sie haben, sei ihr gleichgültig. „Keine Ahnung, ist auch nicht wichtig.“  Wichtig sei, sich gut zu verstehen und Spaß zu haben.
 

Life steht für lernen, integrieren, fördern und erleben

Projekt Life startete im Februar 2016 an drei Standorten im Landkreis Schwäbisch Hall: in Hall, Crailsheim und Gaildorf. Träger ist die AWO Schwäbisch Hall. Gefördert und finanziert wird es von Herzenssache e.V., der Kinderhilfsaktion von SWR, SR und Sparda-Bank und den Service-Clubs. Es hat sich zum Ziel gesetzt, Kinder und Jugendliche aus Flüchtlingsfamilien bei alltäglichen Aufgaben zu begleiten, sie zu unterstützen, sich so schnell wie möglich in ihrem neuen Lebensumfeld zurechtzufinden und zu integrieren. Das Projekt will  Freizeit- und Ferienangebote ermöglichen, damit geflüchtete Kinder und Jugendliche ihre neue Umgebung besser kennenlernen, Spaß haben, sich wohl fühlen und nicht die gesamte Zeit in den Unterkünften verbringen müssen.

Unterstützer Katja Neben und Katharina Deeg koordnieren das Projekt. Sie freuen sich über Menschen, die sie beim Projekt unterstützen möchten. Kontakttelefon: 07971/253550. ka

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